Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

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DIE WORTKUNST DES STURM

unserer Arbeit ist. Gewiß hat die Vernichtung aller nur
irgend greifbaren Verlagswerke des STURM durch den
Nationalsozialismus die Wirkung behindert. Aber dies
kann nicht der entscheidende Grund sein. Vielleicht ist
es so, daß das »Wort« nicht mehr in dem Maße gehört
wird, wie das »Bild« gesehen wird. Die Menschen sind
gewohnt, das Wort zu »lesen«, wenn es als Dichtung oder
Wortkunst auftritt, oder durch Radio zu hören, aber
nicht in seinem inneren Klang zu vernehmen. Nur
wenige scheinen aufgeschlossen für den inneren Klang,
die Wirklichkeit des Geistes, die nicht nur mehr, sondern
etwas anderes ist als die übliche Mitteilung von Mensch
zu Mensch. Vielleicht aber ist es auch so, daß die Myste-
rientexte des STURM bis an die Grenze des Wortes ge-
langt sind, wo das Wort in das Schweigen sinkt, in das
Schweigen des vergänglichen Wortes vor dem ewigen
Wort. Und so hätte dann die Wortkunst des STURM das
Ziel aller Worte erreicht.
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