Straßburger Münsterblatt: Organ des Straßburger Münster-Vereins — 6.1912

Seite: 141
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Hl

XI.

Bücherschau.

Als Fortsetzung eines im Jahre 1894 im Verlag von
J. H. Ed. Heitz erschienenen Werkes von Schwedeler-
Meyer, Altona : Die Skulpturen des Strassburger

Münsters. 1. Teil: Die älteren Skulpturen bis 1789 ist
durch denselben Verlag eine Arbeit von Dr. Hans Fr.
Secker vorgelegt worden, welche sich mit den im Laufe
der Zeit verschwundenen, zum grösseren Teil durch die
Revolution zerstörten Bildwerke unseres Münsters und
deren Ersatz durch neuere Werke beschäftigt.

Der erste Teil des Buches bringt eine übersichtliche
Zusammenstellung der auf den Umfang der Zerstörung
durch die Revolution bezüglichen Urkunden und Berichte
sowie ein Verzeichnis der für die Feststellung des ehe-
maligen Skulpturenbestandes wesentlichen Zeichnungen,
Holzschnitte und Stiche. Wenn auch hier viel Neues
nicht gebracht wird, nach Lage der Verhältnisse auch
kaum gebracht werden kann, so verdient doch die
zusammenfassende Wiedergabe einiger Berichte über das
traurigste Kapitel aus der Lebens- und Leidensgeschichte
unseres Münsters allen Dank.

Der zweite Teil des Werkes behandelt die Restau-
rationen und Neuschöpfungen. Zugleich wird Mitteilung
über bis jetz wiederentdeckte Bruchstücke älterer in
der Revolution zerstörter Bildwerke gemacht. Leider
enthält dieser Feil eine grosse Anzahl von Lücken oder
ungenauen sowie auch unrichtigen Angaben, wodurch
natürlich die Hauptbedeutung der Arbeit, ihr Wert als
Katalogisierung, sehr beeinträchtigt wird. Insbesondere
bezieht sich dies auf die Abgrenzung der Tätigkeit des
Bildhauers Vallastre, zum Teil auch derjenigen der Bild-
hauer Malade, Grass und Stier.ne.

Die Angaben über noch vorhandene Reste älterer
Skulpturen sind gleichfalls zum grossen Teil unrichtig. So
z. B. können nur zwei von den jetzt in der elsässischen
Altertums-Sammlung vorhandenen Steinköpfe als ursprüng-
lich zum Münster gehörig betrachtet werden, ein über-
lebensgrosser Kopf einer Bischofsfigur und der Kopf eines
Königsbildes, von dem aber auf keinen Fall angenommen
werden darf, dass derselbe vom Südportal herrührt.
Ebensowenig ist es auf Grund stilistischer Vergleiche
möglich zwei weitere Köpfe dieser Sammlung als zu dem
Skulpturenschmuck des südlichen Querschiffportals gehörig
zu identifizieren wie dies von dem Verfasser geschieht
und bereits von anderer Seite ausgesprochen worden ist.
Dagegen müssen offenbar drei von mir in den letzten
Jahren durch Zufall erworbene Steinköpfe stilitisch in die
Reihe dieser Statuengruppe eingereiht werden. Ebenso
fehlt der Hinweis auf die jetzt noch bei der Stadtbibliothek
vorhandene kleine Sammlung von etwa einem Dutzend

Fragmenten, durchweg abgeschlagene Köpfe aus den
westlichen Portalfüllungen. Auf Seite 71 wird die Original-
figur eines knieenden Engels als aus einer Portalarchi-
volte stammend bezeichnet; dieselbe soll in den Lager-
räumen des Münster-Bauamtes in Neudorf vorhanden
sein. Trotz bestem Willen war es mir bis jetzt nicht
möglich dieselbe dort zu finden. Die einzige knieende
Figur, die daselbst vorhanden, ist die Steinkopie einer
Psyche nach Ohmacht.

Über die blosse Aufzählung der zerstörten Skulp-
turen und deren Neuschöpfungen hinaus wird vereinzelt
eine Kritik über den ästhetischen Wert dieser Arbeiten
gegeben. Ein grosser, man darf sagen der grösste Teil
der Neuschöpfungen sind künstlerisch unbedeutende und
in der Tat „handwerklich rohe Dutzendware.“ Man kann
dem Verfasser unbedenklich zustimmen, wenn er bedauert,
dass die neuen Werke, durch welche Verlorenes ersetzt
werden sollte, nicht von Künstlerhand herrühren. Im
übrigen ist die Kritik subjektiv, und würde ein weiteres
Eingehen darauf unnötig sein, wenn nicht vom Ver-
fasser in offenbar unklarer Anschauung der Bedeutung
des Stiles für die künstlerische Wertschätzung eines
Werkes grundsätzlich eine jede stilistisch auf historischer
Unterlage basierende Arbeit als „unkünstlerisch“, als
„wertlose Nachahmung“ abgefertigt würde. Es lässt sich
bekanntlich ausserordentlich viel gegen eine derartige
einseitige Anschauung, die in ihren logischen Folgerungen
ganze Epochen aus der kunstgeschichtlichen Entwickelung
ausschalten müsste, einwenden. Hier ist nicht der Ort
dazu.

Zu welchen Entgleisungen aber derartiges Vorurteil
in Verbindung mit mangelnder Stilkenntnis führen kann,
beweist die folgende Kritik über das Tympanonrelief des
nördlichen Turmportales auf Seite 71 mit Abb. 22 auf
Tafel XI „Wir weisen besonders hin auf die
„unglaublich geringe „Darstellung i m Tempel“
„und die gequälte Kompositionslosigkeit der
„andern Streifen: schlecht und recht hingehauene
„Figuren, eine neben die andere gestellt, verraten
„sie alle zugleich die Unfähigkeit und die Unlust
„des Bildhauers, dem Fühlen des Mittelalters
„Verwandtes zu geben. Diese Neuschöpfungen
„lassen ebensosehr kalt, wie uns die alten Werke
„anziehen, in denen künstlerisches Können und
„Stilbewusstsein mit der rührenden Naivität
eines „frommen Glaubens vereint sind.“

Dabei ist diese Tympanonfüllung, welche vom Ver-
fasser als ein vollständig neues Werk des Bildhauers
Vallastre hingestellt wird, alt. Dieselbe rührt wie ein
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