C. J. Wawra <Wien> [Editor]
Versteigerung einer kleinen, wertvollen Sammlung von Ölgemälden, Aquarellen, alten Kuperstichen, Miniaturen und Antiquitäten aus Wiener gräflichem Besitz: Mittwoch den 24. und Donnerstag den 25. Januar 1912 (Katalog Nr. 224) — Wien, 1912

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Zu den Bildern.

Die Gemälde, die zugleich mit der Sammlung mannigfacher Kunstgegenstände
unter den Hammer kommen, stammen zum Teil aus altadeligem Besitz, zum Teil sind
sie vom gegenwärtigen Besitzer mit Geschmack und Geschick erworben worden. Im
ganzen ist's eine Reihe, die wohl ein freundliches Geleitwort verdient. Bleibt dieses auch
fern von den verzückten Superlativen, die oft bei ähnlichen Gelegenheiten vorgebracht
werden, so findet es doch für die trefflich erhaltenen Bilder Ausdrücke der Anerkennung.

Eines der wertvollsten Gemälde in der Sammlung ist ohne Zweifel die figurenreiche,
überaus lebendig gestaltete Anbetung durch die Hirten von einem holländischen
Meister aus dem siebzehnten Jahrhundert. Die Verteilung des Lichtes läßt eine Beein-
flussung durch Rembrandts frühe Bilder erkennen. Nach dem warmen Kolorit denkt
man wohl vorübergehend an Aart de Gelder, doch überzeugen uns die sicheren
Werke de Gelders, nicht zuletzt die biblische Reihe in Aschaffenburg bei genauerem
Zusehen von der Trüglichkeit einer Vermutung, die auf Van Gelder gerichtet wäre.
Manche Gesichtstypen erinnern an solche bei Andries Both. Die meisten Ähnlichkeiten
stellen sich mit den Werken des Dordrechters Benjamin Cuyp heraus, dessen freie,
kühne Pinselführung zum vorliegenden Bilde stimmt.

Durch künstlerische Bedeutung fällt jedem die Lagerszene von Johann Lingel-
bach auf. Eine dämmerige, grauliche Stimmung ist darin folgerichtig festgehalten. Fein
abgewogene Komposition in den Massen und Linien. Die großen Figurengruppen an den
Seiten sind geschickt durch eine Art Stilleben verbunden, das aus Harnischen, einem Sattel,
einer Pauke, Fahne und anderem mitten im Vordergrund aufgebaut ist. Dabei mehrere sitzende
Soldaten, die in Umriß und Farbe der Gesamtwirkung untergeordnet werden. Durch die
echte, wohlerhaltene Datierung 1667 (unter der ein wenig verputzten Signatur) wird das
Bild der späteren Amsterdamer Zeit des vielgereisten Frankfurter Kindes zugewiesen,
Lingelbach ist ungefähr sieben Jahre später (im November 1674) zu Amsterdam gestorben.

Ein prächtig komponiertes Bild ist die Plünderung eines Dorfes durch Soldaten,
eine Szene, in der die Schrecken des dreißigjährigen Krieges unverblümterweise dargestellt
sind. Wie auch sonst bei demselben Meister gewöhnlich, ist in diesem unzweifelhaften Werk
des Peeter Snayers die Bewegungsdarstellung eine vorzügliche. Die Färbung ist lebhaft,

ohne in grelle Buntheit zu verfallen. Die feinen Töne in der Landschaft dürften den meisten

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