Wiegand, Theodor [Editor]
Palmyra - Ergebnisse der Expeditionen von 1902 und 1917 (Text) — Berlin, 1932

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V. GRUNDPLAN DER STADT,
STRASSEN UND PLÄTZE, BASILIKA UND WOHNBAUTEN

(Hierzu der Gesamtplan in Mappe am Ende des Textbandes)

Nach dem Gesamteindruck der Ruinen war Palmyra eine klassische Stadt auf syrischem Boden, die vom 2. Jahrhundert n.
Chr. an im Anschluß an das große, schon in augusteischer Zeit errichtete Heiligtum des Belos ausgebaut worden ist.
Reste älterer Kunstperioden sind nirgends zu beobachten, weder altorientalisches noch etwas derartiges hellenistisches, wie die
nabatäischen Bauten im Hauran, wenn es auch nicht an unklassischen Reminiszenzen wie z. B. im Grundriß der Cella des Belos
oder in den Grabtürmen fehlt.

Einen starken Eingriff in die Stadtanlage bedeutete es, daß unter Diocletian ein Teil in ein großes, prächtiges Lager verwandelt
wurde, und wie überall in den syrischen Städten gab es bald darauf im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. auch in Palmyra trümmer-
hatte Stätten, wo die Christen ihre Basiliken errichten konnten. Auch ein Mauerbau, wahrscheinlich unter Jusünian, ver-
änderte das Stadtbild und beeinträchtigte ansehnliche Monumente der älteren Zeit.

Die mohammedanische Eroberung muß dann den Anstoß zum vollständigen Verfall der antiken Stadt gegeben haben. Doch
blieb sie leider im Mittelalter nicht unbewohnt. Das ganze Stadtgebiet ist mit den Resten von arabischen Bauten bedeckt und
deren Verfall, die gestürzten und z. T. sich in Staub und Schotter auflösenden Säulen und Quadern aus dem Altertum, endlich
feiner und dünner, hin und her wandernder Sand haben den ursprünglichen Boden meist unter einer 2-3 m hohen Schicht
verborgen. Hoch empor ragen aus dem Mittelalter noch einzelne Teile der arabischen Burg, die durch einen Umbau des Bel-
Peribolos geschaffen worden war und in deren Mauern sich ein arabisches Dorf entwickelte.

Aufnahmen des Stadtgebietes finden sich bei Robert Wood, The Ruins of Palmyra and Balbek, London 1827 pl. II und von
Cassas1), dazu kommt der Plan von Albert Gabriel, Syria 1926 Tafel XII, der einen sehr bedeutenden Fortschritt darstellt,
und endlich der ergänzende Plan der Stadtmauern von Adolf Fick auf Tafel 9 dieses Buches. Ein besonderer Fortschritt
unseres Planes aber beruht in der äußerst sorgfältigen Aufnahme der Nekropolen, Tafeln 25-44.

Die geographische Lage der Stadt östlich an dem Winkel, den die kahlen und felsigen, die syrische Wüste durchziehenden
Berge bilden, indem der eine Schenkel mehr südwestwärts, der andere mehr ostnordostwärts streicht, ist auf R. Kieperts Karte
von Syrien und Mesopotamien (bei M. Frh. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum persischen Golf I, Blatt 1) gut zu erkennen.
Ein niedriger, talartiger und nach der Stadt zu sich gabelnder Sattel verbindet die westliche und östliche Hälfte der Wüste
und zeichnet den Weg von Damascus nach Palmyra vor.

Das Stadtgebiet, im Norden, Osten und Süden nach der Ebene zu ganz offen, senkt sich infolge der Lage am Osttuß des Ge-
birges flach von Westen nach Osten, zeigt im Osten auf einer Erhebung das große Heiligtum des Belos und fällt dahinter an-
scheinend etwas stärker gegen die Gegend ab, wo sich die Salzseen befinden. Die Quelle, die den Ort zur Ansiedelung empfahl
und eine Oase in der Wüste schuf, entspringt ebenfalls am Ostfuß der Berge, nicht weit südlich von dem Sattel, und ihr Wasser
fließt außerhalb des Stadtgebietes gegen Osten und dann gegen Nordosten um das Belosheiligtum herum, von Gärten und
Feldern begleitet. Sonst ist auch durch den Sattel von Westen Wasser in das Stadtgebiet selbst geleitet worden. Man erkennt
den unterirdischen Kanal an einem rohen, offenbar in moderner Zeit wiederholt aufgewühlten Graben oder einzelnen Gruben,
und das Wasser tritt in einer unterirdischen, zisternenartigen Grotte nördlich vom großen Decumanus zutage, weiterhin aber
als offenes Bächlein. Ein anderer derartiger Kanal streicht nördlich längs der Stadtmauer.

Um die Art der antiken Besiedelung des Platzes zu verstehen, muß man zunächst das große Heiligtum des Belos, dann die ver-
schiedenen Gruppen der turmartigen und unterirdischen Grabdenkmäler ins Auge fassen. Die imponierendste Gruppe, aus den
Jahren 9 v. Chr. bis 234 n. Chr., liegt in dem oben genannten Sattel, dem Wadi el Kubur, d. i. Gräbertal, und zwar einmal
an der isolierten Kuppe inmitten des Sattels, dann an seinen beiden Rändern bis hoch auf das westliche Gebirge hinauf. Auf

l) L. F. Cassas. Voyage pittoresque de la Syrie, de la Phenicie, de la Palestine et de la Basse-Egypte, gra
suiv., gr. in-folio.

Les Dessins de Cassas, Paris 1799 et ann.
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