Wiegand, Theodor [Editor]
Palmyra - Ergebnisse der Expeditionen von 1902 und 1917 (Text) — Berlin, 1932

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Abb. 154. Baalsamin-Tempel, Vorderansicht

XIV. DER BAALSAMIN-TEMPEL



Nordöstlich vom Mittelpunkte der Stadt steht ein kleiner, abgesehen von Decke und Dach ziemlich gut erhaltener Tempel1)
in einem Gebiete, in dem das antike Straßennetz nach den äußerlich sichtbaren Resten nicht mehr zu ergänzen ist. So ist auch
nicht mehr ohne weiteres festzustellen, wie der Tempel in dies Netz eingefügt war. Spuren einer Umwehrung des Tempel-
bezirkes, des Peribolos, worin auch ein Brandopferaltar vorauszusetzen wäre, konnten von uns nicht bemerkt werden. Jedoch
läßt sich ein älterer Fund, der zum Schlüsse namhaft gemacht werden wird, wahrscheinlich auf den Tempel beziehen. Daß
indes der Tempel einen Teil des Entwurfes zum Neubau der Stadt bildete, geht aus seiner Himmelsrichtung N 1350 S hervor,
die mit der des westlichen Decumanusabschnittes übereinstimmt, ebenso aus den Zierformen, insofern sie von gleicher Art
sind wie die der Straßenhallen und des Theaters. Der Zeitpunkt der Erbauung ist nun glücklicherweise dadurch bekannt, daß
ein Standbild des Stifters, eines Males Agrippa, der sich auch gelegentlich der Reise des Kaisers Hadrian als Staatssekretär aus-
gezeichnet hatte, von Rat und Volk an der Frontsäule links vom Eingange im April 131 n. Chr. aufgestellt (oder zu dieser Zeit
dessen Aufstellung beschlossen) wurde. Dies wird in einer zweisprachigen Inschrift gemeldet, deren griechischer Text2)
zwar nicht vollständig wiederherzustellen ist, aber angibt, daß der Tempel, wahrscheinlich zugleich mit dem Altare davor,
dem Zeus errichtet wurde. Im palmyrenischen Text entspricht diesem Gotte, wie sicher zu ergänzen ist, der Baalsamin; doch
war daneben noch eine andere Gottheit genannt, und sonst etwas über den Bau angegeben3). Das Gegenstück zum Standbilde
des Stifters ist an der Frontsäule rechts vom Eingange erst im Jahre 198 n. Chr. aufgestellt worden.

Der Tempel, von den Arabern Umm el Melek genannt, hatte vor seiner Cella nur eine zwei Joche tiefe und drei Joche breite
Säulenhalle mit breiterem Mitteljoche. Außen gliederten Pilaster die Wände der Cella, und zwar trotz deren länglicher Gestalt
längs wie quer zu je drei Jochen angeordnet. Zwei seitliche Fenster erleuchteten den Innenraum stärker, als es in den klassischen
Ländern üblich war.

Bei Bestimmung der Maßverhältnisse der einzelnen Teile des Bauwerks zueinander und zum Ganzen, der „Symmetria" und
der „Eurythmia" ist man im Grundplane (Tafel 62) von einem Rechtecke ausgegangen, dessen Seiten, gemessen von Mitte zu
Mitte Ecksäule oder Eckpilaster sich zueinander verhalten wie 12:7, indem die Tiefe i2.42/12= 50 römische Fuß4)= 14,785 m,
die Breite 7.4V 12= 292/12F.= 8,625 m beträgt. Die 50 Fuß der Tiefe verteilen sich auf die Cella und ihre Vorhalle im Verhält-
nisse von 13:7, indem 21/2.i3= 321/,; F.= 9,61 m von den Wandfeldern der Cella eirgenommen werden, von denen das
mittelste n2/3 F.= 3,45 m, die beiden seitlichen je io5/12 F.= 3,08 m messen, die übrigen 21/s-7= 17V2 F.= 5,175 m aber von

') Vgl. dazu: Alte Denkmaler etc. Tafel 60.

2) Von Puchstein bei Sobernheim Nr. 15 im Zusammenhang mit den anderen Inschriften des Tempels neu besprochen.

3) S. außer de Vogüe A. D. Mordtmann in den Mitteilungen d. Vorderasiat. Ges. 1899, 19.

4) Ein römischer Fuß ist gleich 29,57 cm> geteilt in 12 Zoll.
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