Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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II.
Über das Kolorit.

Von

August Kirschmann.

1.
Bevor ich mich dem eigentlichen Gegenstande dieses Aufsatzes zu-
wende, sei mir gestattet, ein paar Sätze vorzubringen, deren Annahme
mir als eine vom Standpunkt der Erkenntnistheorie notwendige Vor-
bedingung jeder ästhetischen Betrachtung über die Malerei erscheint.
Ich gebe diese Sätze hier ganz dogmatisch, bin aber jederzeit bereit,
einer sachlichen (d. h. nicht auf autoritativer oder herkömmlicher Be-
trachtung ruhenden) Kritik Rede und Antwort zu stehen.
1. Die Malerei hat wie alle Kunst die Aufgaben:
Das Erstrebenswerte darzustellen. Dieses Erstrebenswerte ist ent-
weder vorhanden, kommt aber nur selten vor und ist nur wenigen
zugänglich, wie im Falle stimmungsvoller oder grotesker Landschaften
oder bei Porträts großer Persönlichkeiten; oder es existiert nicht mehr
und sein Gedächtnis soll durch die Malerei erhalten bleiben (Historien-
Malerei, Porträt) oder endlich es existiert noch nicht, ist aber aus
irgend einem Gesichtspunkte ethisch oder ästhetisch wünschenswert
(symbolische Darstellung, Zukunftsideale u. s. w.).

Die Malerei hat diese Darstellung durch Projektion des allseitig
Ausgedehnten (des sogenannten Dreidimensionalen) auf die Fläche zu
bewirken und zwar mit Mitteln, die hinsichtlich der Qualität des
Lichtes kaum hinter der Wirklichkeit zurückstehen, hinsichtlich der
Quantität dagegen wesentlichen Beschränkungen unterworfen sind.

Wenn die Kunst diese beiden Aufgaben erfüllt, nenne ich ihr Er-
zeugnis Kunstwerk. Wird sie aber nur der letzten Aufgabe gerecht,
so nenne ich ihr Produkt ein Kunststück, mit welchem Ausdruck ich
jedoch durchaus nichts Verächtliches bezeichnen will. Wenn ein
Genrebild, ein Porträt irgend eines alltäglichen Menschen, ein Stillleben,
eine Landschaft mit ganz gewöhnlicher Szenerie nichts weiter gibt als
eine Reproduktion von Verhältnissen oder Situationen, die man jeder-
zeit oder wenigstens sehr oft in der Wirklichkeit wahrnehmen kann, dann
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