Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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XI.

Kunstwissenschaft und Völkerpsychologie.

Ein Versuch zur Verständigung.

Von
August Schmarsow.

1.
Von verschiedenen Seiten ist in letzter Zeit die Forderung laut
geworden, der bisher geläufige Begriff der Kunstwissenschaft müsse
wesentlich abgewandelt, sowohl erweitert als vertieft werden. Was
vorher darunter verstanden ward, sagt am objektivsten ein Blick in
das »Repertorium für Kunstwissenschaft«, das Organ der Kunsthisto-
riker, freilich kaum noch dem Inhalt der Beiträge nach, die es selber
bietet, wohl aber den Rubriken der Bibliographie nach, die es dem
ursprünglichen Plan gemäß umfaßte, solange der Literaturnachweis
fortgeführt wurde. Das Übergewicht lag immer in der Wagschale der
Kunstgeschichte, auch wenn man Ästhetik, Kunsttheorie und Kunst-
kritik, ja Museumskunde und gar Technologie in die andere zusammen-
häufte. Und auf beiden Seiten wurden unter Kunst nur die bildenden
Künste begriffen, wie es noch heute an unseren Hochschulen, Museen
und sonstigen Staatsanstalten geschieht. In diesem engeren Sinne
will auch die Überschrift meines vorliegenden Beitrags zunächst ver-
standen sein, obwohl ich selbst erklärtermaßen auf einem anderen
Standpunkte stehe. Von Amts wegen habe ich die Kunstwissenschaft
in der ererbten Auffassung zu vertreten. Deshalb soll ebenso von
dem philosophischen Gebiet, das ihr im Titel gegenübergestellt ist,
vorwiegend derjenige Teil ins Auge gefaßt werden, der sich mit der
Psychologie der bildenden Künste befaßt. Statt Ethnographie oder
Völkerkunde setze ich, im Einklang mit meiner eigenen philosophischen
Ausbildung, mit vollem Bewußtsein »Völkerpsychologie«, weil ich
überzeugt bin, daß hier der gemeinsame Grund und Boden liegt, auf
dem allein eine Verständigung möglich wird, die den Kunsthistorikern
wie den Ethnologen gleichermaßen Gewinn bringt. Kunstpsychologie
könnten wir also das Bindeglied nennen, das zwischen Völkerpsycho-

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. II. 20
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