Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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V.

Ästhetisches Ideal und ethische Norm.

Von

Anna Tumarkin.

Die neueren Untersuchungen zur Werttheorie haben auch die Frage
nach der Bedeutung des Wertbegriffs für die Ästhetik zur Sprache ge-
bracht. Während auf der einen Seite die Ästhetik in eine allgemeine
Wertlehre eingereiht (so von Jonas Cohn in seiner »Allgemeinen
Ästhetik«) oder sogar als das ursprüngliche, natürliche Gebiet von
Wertungen betrachtet wird (Edith Landmann-Kalischer sieht »den Typus
des Werturteils in dem reinen, uninteressierten Geschmacksurteil«,
Archiv f. d. ges. Psychol., V, S. 270), zeigt sich auf der anderen Seite
das entgegengesetzte Bestreben, den Wertbegriff ganz von der Ästhetik
auszuschließen: von Meinong ausgehend, der das Werthalten als ein
Wirklichkeitsgefühl, als eine emotionale Reaktion auf etwas Existieren-
des auffaßt, unterscheidet Witasek das ästhetische Gefallen, das eine
Vorstellung zu seiner Voraussetzung hat, von dem Werthalten, das
auf einem Urteil beruht, und setzt die Begriffe Wert und Schönheit
einander entgegen (»Wert und Schönheit«, Archiv f. syst. Phil., VIII,
S. 164 ff.). Daß die Schönheit Gegenstand der Werthaltung wird, sei
für sie nicht wesentlich: »etwas ist schön nicht weil oder indem es
gewertet wird, sondern es hat Wert, weil es schön ist« (S. 166).

So berechtigt auch Witaseks Widerspruch gegen das Einordnen
der Ästhetik in eine allgemeine Wertlehre mir zu sein scheint, weil
unter dem Gesichtspunkt des Wertes das ästhetische Verhalten nicht
in seiner Eigentümlichkeit erkannt werden kann, — der Standpunkt, den
Witasek in dieser Frage selbst einnimmt, scheint mir, so wie er die
Frage formuliert, auch nicht durchführbar. Die Eigentümlichkeit des
ästhetischen Verhaltens läßt sich allerdings nicht von dem Begriff des
Wertes aus erfassen, aber diese Eigentümlichkeit liegt ursprünglich nicht
im ästhetischen Urteil, nicht im Begriff der Schönheit, sogar nicht im
ästhetischen Gefallen, sondern in der ästhetischen Betrachtung, an die
jenes Gefallen sich knüpft, das Geschmacksurteil nach sich ziehend.
Witasek aber geht so gut wie Cohn von dem ästhetischen Urteil aus,
dem Urteil über die Schönheit eines Gegenstandes; und da liegt der

Zeitschr. f Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. II. 11
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