Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

Seite: 174
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VI.

Über den Zusammenhang von Spiel, Kunst

und Sprache.

Von

Kasimir Wize.

Die Ansicht, daß Spiel und Kunst eng verwandt seien, stützt
sich seit Kant mit Vorliebe auf die Lehre vom interesselosen Wohl-
gefallen. Denn durch den Zustand der Interesselosigkeit scheinen
Freude am Spiel und Freude am Schönen aneinander geknüpft zu sein.
Nichtsdestoweniger gibt es noch in der Gegenwart Ästhetiker, die das
Spiel für zu wenig »ernst«1) halten, als daß es zum Verständnis der
Kunst beitragen könnte. Zu ihnen sind vor allem Ouyau und Theodor
Lipps zu rechnen.

Quyau verfängt sich zum Teil in den dichterischen Paradoxen
Schillers, indem er sie zu wörtlich nimmt und dann bekämpft. Den
Ausdruck Schillers: »Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er
spielt«, verwandelt er z. B. in »der Mensch ist nur da ganz Mensch,
wo er arbeitet«2), und hat natürlich ebenso recht und unrecht wie
Schiller. Andererseits verliert sich Ouyau in weitgehende Schlüsse,
die er auf Grund seiner Gegner (vornehmlich Spencer und Grant Allen)
zu ziehen keine Scheu trägt. So erlaubt er sich, auf den Spielbegriff
Spencers gestüzt, die Kunst in der Auffassung Spencers ein »Sicher-
heitsventil« für das Übermaß von seelischen Kräften zu nennen. Es
ist wahr, Spencer scheint oft zu einseitig den Gedanken zu betonen,
daß man aus einer Überfülle von Kräften und Fähigkeiten heraus
spiele, daß z. B. Erwachsene nach getaner Arbeit noch ein Bedürfnis
fühlten, auch diejenigen Seelenkräfte in Tätigkeit zu setzen, die zuvor
geruht haben, und daß dafür die Kunst sorgen solle. In diesem
Falle genügte vielleicht oft statt der Kunst im höheren Sinne diejenige
des Marktes und des Variete, Die hehre Kunst ist nicht für die Muße,
sondern für alles Frische, Kindliche und Entwicklungsfähige im Men-

1) Lipps, Dritter ästhetischer Literaturbericht. Archiv für syst. Phil. 1898, IV, 475.

2) Guyau, Les problemes de l'esthetique contemporaine, S. 42.
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