Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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XII.

Ziele und Schranken der modernen Poetik.

Von

Rudolf Lehmann.

1. Poetik als Psychologie der Dichtkunst.

Wie die Ästhetik der Romantiker und der Hegeischen Schule
Metaphysik des Schönen sein wollte, so will die heutige Ästhetik
Psychologie des Schönen sein. Ihr letztes Ziel ist, die psycho-
logischen Gesetze festzustellen, auf denen unsere ästhetischen Empfin-
dungen und Urteile beruhen. Denn ihre Grundlage bleibt die Er-
kenntnis, daß diese Urteile und Empfindungen durch die subjektive
Veranlagung des Menschen bestimmt werden und nicht durch irgend
ein objektives oder absolutes Prinzip der Schönheit; mit anderen
Worten: daß ästhetische Eindrücke und Wirkungen in der psychischen
Natur des Menschen ihre Erklärung finden. Die psychologische
Tendenz der heutigen Poetik erhält nun aber ein noch bestimmteres
Gepräge dadurch, daß sie nicht, wie frühere Epochen getan haben,
den Wirkungen des Dichtwerks, sondern seiner Entstehung nach-
geht und aus dem Prozeß in der Seele des Dichters die Eigenart der
einzelnen Dichtungen wie der Poesie überhaupt erklären will. Ihre
Verallgemeinerungen münden nicht in die ästhetischen Kategorien des
Schönen, Erhabenen u. s. w., sondern in die psychologischen der Phan-
tasietätigkeit überhaupt und der dichterischen Einbildungskraft insbe-
sondere. Den Zusammenhang der produktiven Phantasie mit der Ge-
samtanlage der dichterischen Individualität will sie ergründen und auf
diese Weise zugleich der allgemeinen psychologischen Forschung,
soweit sie der Phantasietätigkeit gilt, und der Individualpsychologie
fruchtbare Dienste leisten. Die Einsicht in das Seelenleben des Dichters
und in das Wesen seiner produktiven Kraft ist das Ziel, das sich
nicht nur die Poetik als solche, sondern in Abhängigkeit von ihr auch
die heutige Literaturwissenschaft, wenigstens soweit sie die neuere
Zeit behandelt, gesteckt hat.

Es erhebt sich nunmehr die Frage, wie weit die Wissenschaft der
Gegenwart nach ihren Mitteln und Methoden im stände ist, so hoch
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