Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

Page: 501
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1907/0505
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XVIII.

Über Verbindung von Farbe und Klang.
Eine literar-psychologische Untersuchung.

Von

Ottokar Fischer.

1. Einleitendes.

So große Reize auch die Bebauung eines zwischen zwei Wissens-
gebieten gelegenen Bereiches birgt: derjenige, der sich mit einer Arbeit
auf jenem Boden befaßt, wird immer Gefahr laufen, von den Hütern
der beiden angrenzenden Wissenschaften Lügen gestraft zu werden.
Bei Philologen und bei manchen Psychologen vom Fach hat das
Wort Literaturpsychologie einen bösen Klang. Wenn sich trotzdem
die vorstehende Untersuchung als einen Beitrag zu dieser Forschung
bezeichnet, so geschieht es unter der Voraussetzung, daß eine Methode
»gegenseitiger Erhellung« für beide Gebiete von Vorteil sein kann,
falls die Ergebnisse des einen der Betrachtung des anderen Bereichs
zugewendet werden.

In neuerer Zeit hat sich die Psychologie mit der Ergründung eines
Vorgangs beschäftigt, für den es sehr viel Bezeichnungen und noch
mehr Deutungen gibt. Bald als Pseudosensationen, bald als Pseudo-
photästhesien, als Synästhesien, als sekundäre Empfindungen1), als
audition coloree, bald unter der allgemeinen und auch in diesem
Aufsatz beibehaltenen weitesten Benennung des »Doppelempfindens«
werden verschiedene Vorgänge beschrieben, deren gemeinsames Merk-
mal darin besteht, daß bei äußerem Reiz eines einzigen Sinneswerk-
zeuges nicht nur in diesem die entsprechenden Empfindungen aus-

') Dessoir nennt die Schallphotismen lieber sekundäre »Erinnerungsbilder«, denn
es ist »unwahrscheinlich, daß solche Photismen wirkliche Empfindungen darstellen,
sondern eher anzunehmen, daß sie lebhafte Erinnerungsbilder sind, die sich zwangs-
mäßig an die Reizwahrnehmung assoziieren und als abgeblaßter Rest aus dem un-
geregelten Vorstellungsleben des Kindes bei manchen Erwachsenen übrig geblieben
sind«. (Arch. f. Anat. u. Physiol. 1892, S. 193.) Dazu vgl. noch Dessoirs Erörte-
rungen über die Bedeutung der Kindheit für die Eigenart der dichterischen Phan-
tasie (Ästhetik u. allg. Kunstwiss. 1906, S. 250 ff.).
loading ...