Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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XX.

Christian Gottfried Krause.
Ein Beitrag zur Geschichte der Musikästhetik.

Von

Arnold Schering.

Bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts stand die Musikästhetik
namentlich in Deutschland unter der Herrschaft unfruchtbar rationa-
listischer, zum Teil noch bis ins Mittelalter hinaufreichender Doktrinen
und war in Bahnen hineingedrängt worden, die von der lebendigen
Musikpraxis immer weiter abführten. Einsichtige Kunstrichter, beson-
ders die, welche die musikalische Stilwandlung um 1745 innerlich mit-
gemacht hatten und in der Ästhetik der fortschrittlicher gesinnten
Franzosen und Engländer bewandert waren, erkannten im rechten
Augenblick, daß die Musiklehre, vor allem die ästhetische Begründung
der Musik in der Weise wie bisher nicht weiter zu fördern sei, und
versuchten nun von einer andern Seite aus den bestehenden Problemen
auf den Leib zu rücken. Es kommt zu einer Musikästhetik, die der
Untersuchung der psychologischen Grundtatsachen beim Musikhören
und Musikgenießen erhöhtes Interesse zuwendet und unter Ausschal-
tung der bisher geltenden Ansichten neue Grundsätze aufstellt. Diesen
Umschwung in der Behandlung musikästhetischer Fragen habe ich an
anderer Stelle zu skizzieren versucht1) und will im folgenden als Er-
gänzung dazu auf einen wenig gekannten Musikästhetiker aufmerksam
machen, der gerade zur Zeit jenes Umschwungs schrieb und — wie
es scheint — keinen unwesentlichen Einfluß auf die ihm folgende
Generation gehabt hat.

Christian Gottfried Krause, der Verfasser des Buches Von der
musikalischen Poesie (Berlin 1752), war 1719 in Schlesien geboren als
Sohn eines Stadtmusikus, studierte in Frankfurt a. O. Jura und kam
1747 als Sekretär nach Berlin, wo er als Advokat 1770 starb. Er ge-
hörte zu der seinerzeit hochgeschätzten Klasse von Musikern, die die
Kunst nur als Nebenberuf trieben, hat sich aber trotzdem als Komponist
eines Liederwerks, der „Oden mit Melodien" (1753, auf Texte von

') Die Musikästhetik der deutschen Aufklärung, in der Zeitschrift der Intern.
Musikgesellschaft VIII (1907), 7, 8.
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