Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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534 OTTOKAR FISCHER.

dichterischen Sprache werden soll, kann der Dichter nicht umhin, sich
an die bereits vorgebildete Ausdrucksweise anzulehnen; daher die Be-
deutung literarischer Entlehnungen. Aber all die Vorbilder, die natürlich
nicht mehr in ihrer Gesamtheit ermittelt werden können, erklären nicht
das letzte; wohl halfen sie Tiecks Bildersprache sich entwickeln: Be-
kenntnisse ins Leben zu rufen waren sie nicht mächtig genug. Aus
den verschiedensten Quellen flössen ihm Anregungen zu einer bereits
vorhandenen Neigung zu. Ohne Vorbilder wäre er vielleicht über ein
unsicheres Hin- und Herschwanken nicht hinausgekommen, hätte sich
seine Anlage nicht mit derselben Macht durchgesetzt.

Der Heide Heinse und der Mystiker Boehme, der Praktiker Castel
und die romantische Theorie wirkten zusammen, um eine Eigenheit
zu unterstützen, die auch für die übrigen Anhänger der romantischen
Schule hohe Bedeutung behalten hat. Es wird einen eigenen Abschnitt
in einer »Geschichte der Doppelempfindungen« erfordern, nachzuweisen,
wie es in der Romantik von tönenden Farben und leuchtenden Klängen
schwirrt und wie die einzelnen Wendungen in näherer oder weiterer
Verwandtschaft zu Tieck und zu irgend einem seiner Lehrmeister
stehen. Weder Wackenroder noch Novalis blieben von der Mode
völlig unberührt; Arnim und Brentano übernahmen gleichfalls die
Tieckschen Formeln; Graf Loebens Phantasie ward von Boehme-
Tieckschen Symbolen angeregt*) und wirkte vorbildlich auf die Farben-
seligkeit Eichendorffs; und die romantischen Anregungen haben dann
in E. T. A. Hoffmanns Sprache Bilder von großartiger Kraft und Offen-
barung erstrahlen lassen.

') Des näheren führe ich dies, in einer Besprechung der Pissinschen Neuausgabe
Loebens, in den Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte aus.
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