Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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Sprache als Schöpfung

Zur absoluten Kunst im Hinblick auf Rilke.

Von

Fritj Kaufmann.

I.

Zur Problematik der absoluten Kunst
1. Überall, wo wir Leben in Form finden, sprechen wir darauf mit
einem besonderen, dem ästhetischen Wohlgefallen an. In Form ist
das Leben auf verschiedenen Ebenen seiner selbst. In Form ist es schon
in der freibeherrschten Bewegtheit des schönen Leibes — etwa beim
Sport. In Form ist es in der vollendeten Durchbildung der Formen
geselligen Umgangs — z. B. einer höfischen Kultur. In Form ist es
schließlich überall dort, wo ein innerlich zentriertes, ein einheitlich ge-
schlossenes menschliches Wesen einen eigentümlich bündigen Austrag
und Ausdruck findet — sei es auch nur in dem flüssigen Stoffe des täg-
lichen Gehabes, im eigentlichen Strome oder im gesteigerten Momente der
Lebensbewegung.

Gehören nun diese, auch noch die gehobenen Formen, dem Flusse
des Lebens selbst an, läuft hier das Leben selber in solchen Formen in
die Zukunft vor, — so ist es im Kunstwerk zu fertiger Gegenwart in
einmaliger Form gekommen, zur perfekten Gestalt geronnen, in eine so
voll-kommene Form aufgefangen und gebannt, daß wir in beseligtem
Weilen, im Genüsse solcher Gegenwart die Zukunft des Lebens vergessen.

Das bildende Leben ist hier zum Bilde des Lebens geworden. So
zwar, daß sich die Stimmung der Lebendigkeit, die ins Werk eingegan-
gen und darin ausgestaltet ist, im Tonus des Werkes, in der Abgestimmt-
heit und Stimmigkeit seiner Bezüge überzeugend dartut. Die anschau-
liche Form, der dargestellte Gegenstand sind künstlerisch bedeutsam nur,
soweit sie als Sinnbilder, als Chiffern einer Lebenszuständlichkeit ge-
lesen werden können, vielleicht enträtselt werden müssen: enträtselt aber
— eine Sprache von eigener Überzeugungskraft reden.

Das Werk birgt also einen ihm eigenen Lebensgehalt — und dieser
Gehalt, dieser Lebenston, diese Stimmung der Werkgestaltung ist nicht
ohne weiteres mit dem Lebensgehalt, mit der Lebensstimmung der Wesen
identisch, die im Werke zur Darstellung kommen, ja nicht einmal mit der

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