Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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Der gegenwärtige Stand der Ästhetik und der
allgemeinen Kunstwissenschaft in England.

Vom

Earl of Listowel.

Der auffallendste Zug an der wissenschaftlichen und philosophischen
Durchforschung der ästhetischen Fragen, soweit sie in meinem Lande
während der letzten zwanzig Jahre geleistet wurde, ist der, daß trotz
vielen glänzenden und fördernden Untersuchungen der Betrachtungs-
möglichkeiten des einen Problems, zusammenfassende und systematische
Darstellungen gleich den Werken von Volkelt und Dessoir bei uns fehlen.
Infolgedessen ist der Bereich der ästhetischen Studien besonders aus-
gedehnt und erstreckt sich über viele verschiedene Gebiete auf der Land-
karte des Wissens: wegen der Unvollständigkeit der von den Fachphilo-
sophen verfaßten Schriften treten ergänzend zur Seite die Sonderarbeiten
der Psychologen und Pädagogen, bildenden Künstler, Dichter und
Kunstkritiker, Archäologen und Prähistoriker.

Der Hauptgrund für diese unerfreuliche Situation liegt vielleicht in
einem gewissen Philistertum, nämlich in einem Mißtrauen gegen den
Hochflug philosophischer Spekulation und in einer Abneigung gegen die
Pflege der schönen Künste, Eigenschaften, die Matthew Arnold beschämt
bei seinen geldraffenden Landsleuten feststellte. Unter den Regierungen
der großen europäischen Völker steht das britische Parlament wohl ein-
zig da, insofern es selbst den beiden volkstümlichsten Künsten, der
Musik und dem Drama, keinerlei wirtschaftliche Ermutigung angedeihen
läßt. Wir Engländer allein besitzen weder ein Nationaltheater, in dem
unsere klassischen Dramatiker ein ständiges Heim finden können, noch
eine nationale Oper oder ein Opernhaus, noch ein nationales oder selbst
nur ein städtisches Orchester. Dem entspricht, daß an unsern Universi-
täten die Gelegenheiten für Studium und Forschung fehlen, die in andern
Ländern Europas so reichlich vorhanden sind: bis zum Jahre 1931, als
das „Courtauld Institute of Art" gegründet und der Universität London
angegliedert wurde, gab es an keiner englischen Universität einen so-
genannten „degree course" in Kunstgeschichte oder Kunstwissenschaft,
und selbst heutzutage ist nirgends in Groß-Britannien eine Professur
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