Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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Zur Stellung der japanischen Kunst in dem System
der europäischen Kunstwissenschaft.

Von

Kazuhiko Sano.

In zweierlei Weise können künstlerische Kulturen zueinander in Be-
ziehung stehen, und zweifach ist das daraus entstehende Weltsystem.
Einmal gibt es tatsächliche real-historische Berührungen' mit all ihren
vielfältigen Graden und Arten der Beeinflussung und Befruchtung.
Diese Zusammenhänge ergeben sich aus den Forschungen der Kunst-
g e s c h i c h t e, die die Entwicklung der einzelnen Kulturen in ihrem
Ablauf verfolgt und aus ihrer Gesamtheit das Weltbild aller historischen
Ereignisse und Vorgänge in weltgeschichtlich-zeitlicher Abfolge erstehen
läßt.

Außerhalb dieser real-historisch erklärbaren Zusammenhänge aber
zeigen sich oft merkwürdige Ähnlichkeiten im künstlerischen Ausdruck
bei Kulturen, die räumlich und zeitlich so weit voneinander getrennt ent-
standen sind, daß eine tatsächliche Beziehung ausgeschlossen ist. Man
könnte hier von einer Wahlverwandtschaft sprechen, die erst durch die
Erkenntnis einer ähnlichen Struktur des Welt- und Lebensgefühls ver-
ständlich wird. Diese Sachlage führt uns zu einer anderen Betrachtungs-
art, zu einem anderen Forschungsziel: zur Wesensforschung der dem
künstlerischen Ausdruck zu Grunde liegenden charakteristischen Welt-
anschauungen und ihrer typologischen Festlegung. Damit erwächst der
Kunstwissenschaft neben der rein historischen eine zweite Aufgabe: die
typologisch-ästhetische.

In der deutschen Romantik, die aus dem ihr eigenen Gefühl heraus
die mittelalterliche gotische Kunst als eine urdeutsche, eigenen Gesetzen
folgende, entdeckte und die Herrschaft der klassischen Ästhetik mit ihren
aus der griechischen Kunst abgeleiteten Maßstäben stürzte, lagen schon
die Anfänge der später mit Macht zur Lösung drängenden Verworren-
heit in der Kunstwissenschaft. Der Kampf zwischen der allgemeinen
Ästhetik und der historischen Kunstforschung begann. Diese Krise ver-
schärfte sich, als die europäische Wissenschaft über ihr eigenes europä-
isches Gebiet und seine Kulturkreise hinausging, außer- und nicht-
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