Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

Page: 225
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1934/0239
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
Menschheit, Volk, Dichtung.

Betrachtungen zum Schrifttum des jüngsten Jahrhunderts.

Von

Herbert Cysarz.

Volk und Menschheit! Diese vertrauten Silben klingen heute wie
zwei Schlachtrufe. Begriffe, die zunächst nur ein Verhältnis zwischen
Teil und Ganzem bezeichnen, sind zum Gegensatz aller Gegensätze ge-
worden. Ja, zu Worten zweier verschiedener Sprachen, zwischen denen
es keine Verständigung gibt. Gern werden die zwei Ordnungen aus den
Ereignissen von 1789 und 1813 erklärt, also vollkommen unvergleich-
baren Begebenheiten; zwischen diesen beiden Geschehnissen, das liegt
auf der offenen Hand, vermittelt kein Recht, keine Wahrheit und Sitt-
lichkeit.

Volk und Menschheit sind weder ein logischer noch ein ästhetischer
Widerspruch. Nach einer klassischen Definition war und bleibt es das
Wesen gerade der Kunst, volklichem Ursprung menschheitliche Geltung
zu vermählen. So malt ein Raffael in dieser und jener umbrischen Mut-
ter die Madonna, Bildnisse, die 400 Jahre später in den Kirchen und
den Stuben aller Lande hängen; so malen die großen Niederländer im
Treiben der heimischen, zeitgenössischen Bauern die ewigen Dinge des
christlichen Glaubens aller; so verkörpert ,Hermann und Dorothea' im
Kreis eines kleinstädtischen Gemeinwesens die Grundkräfte jeder Gesell-
schaft, so steht im ,Wilhelm Teil' das ringende Volk zugleich für die
Menschheit, die am Volk bedrohte Menschheit im Volk verteidigend.
Alle Klassik paart der besondersten Herkunft die allgemeinste Bedeu-
tung. Erde und Blut sind aller Menschendinge Anfang. Kein Schöpfer-
tum, das nicht aus diesem Boden lebte. Nichts Schöpferisches aber
auch, das nur für diesen Boden lebte. Das Eigenste und Natürlichste,
in seiner unverkümmerten Individualität zur wesentlichen Gestalt gestei-
gert, gilt immer und überall. Hier sind auch Volk und Menschheit eins
und untrennbar; in ihrer Untrennbarkeit fußt noch Schillers Begriff
der Kunst, noch Goethes Begriff der Persönlichkeit.

Aber auch die Entdeckung des Volks als Volks — Herder und einige
Romantiker geben die ersten dumpfen Anstöße — verbürgt zugleich
eine Bereicherung des Einzelnen: Er lebt wärmer und weiter, leichter

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXVIII.

15
loading ...