Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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Bemerkungen.

Kritik der Illusionstheorie.

Von

Karl Schultze-Jahde.

Obwohl es unmöglich ist, bei einer Oberprüfung des gesamten Ausdrucks-
gebiets und des ästhetischen im besonderen etwa Lyrik, Musik, Tanz, Architektur
mit der Illusion zusammenzubringen oder gar tiefste Wirkungen von Kunstwerken
auf den Wechsel von Illusion und Desillusion (Lange) zurückzuführen oder etwa
dem Künstler die Absicht unterzulegen, Illusion oder Wechsel von Illusion und
Desillusion darstellerisch zu bewirken, begegnen derartige Auffassungen, ins-
besondere auch auf literaturwissenschaftlichem Gebiet, immer noch. Es ist m. E.
an der Zeit, solche Auffassungen mit Stumpf und Stiel auszurotten, weil sie der
Analyse des psychischen Tatbestandes nicht im mindesten entsprechen. Ich will im
folgenden diesen Versuch machen und nachweisen, 1. daß mit einem psychologisch
präzisen Begriff von Illusion nicht durchzukommen ist; 2. daß der psychische Tat-
bestand, den man im ästhetischen Verhalten vorfindet und in irgendeinem Sinne als
Illusion kennzeichnet, Kontemplation ist; 3. daß der genau analysierte Wahrneh-
mungs- und Vorstellungsinhalt des ästhetischen Ausdruckswerks in keinem Sinne
einen Ansatzpunkt für eine Illusion bietet.

1. Präzis psychologisch gehört die Illusion in das Gebiet der Sinnestäuschun-
gen. Sinnestäuschungen spielen im Gebiet der Wahrnehmung. Wahrnehmung ist
ein Erlebnis mit einem sinnhaften (sinnesqualitativen) Bestandteil, der sie eben
einem besonderen Sinnesgebiet zuweist; die Wahrnehmung gilt dem Wahrnehmen-
den als Sosein des Wahrgenommenen. Von einer Sinnestäuschung spricht man,
wenn das auf Grund einer Wahrnehmung vorausgesetzte Sosein einer Nachprüfung
nicht standhält und für den Rückblick eine als-ob-Wirklichkeit ergibt. Es gibt
drei Fälle:

a) Ich sehe einen ins Wasser gehaltenen geraden Stock gebrochen; ich sehe
gerade Linien in einem bestimmten Muster geknickt; ich höre den Ton eines Horns,
das links hinter einem Hause geblasen wird, etwa von rechts kommen; ich taste
eine Kugel, die an den Außenrändern zweier übereinandergelegter Finger rollt,
als zwei, und dergleichen mehr. Die Nachprüfung ergibt, daß der Stock haptisch
und im gleichen Medium gerade ist; daß die geknickten Linien sich beim Anvisie-
ren als gerade erweisen; daß der Hornbläser links hinter dem Hause steht; daß
es nur eine Kugel ist, die über die Finger rollt usw. Tatsächlich liegt hier gar
keine eigentliche Sinnestäuschung vor, denn die Nachprüfung ergibt: der Stock ist
optisch wirklich gebrochen, die Linien sind in der Aufsicht optisch geknickt, der
Ton des Horns kommt durch akustische Umleitung wirklich von rechts, jeder
Finger spürt eine Kugel usw. Die Wahrnehmung kann also nur bedingt als eine
als-ob-Wahrnehmung gelten, indem die Nachprüfung eine der zugeordneten Wahr-
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