Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

Page: 175
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1934/0189
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
Der Bildraum in den späten Werken
des Hans von Marees.

Von

Oskar Schürer.

Man hat Hans von Marees verstanden „als die letzte gewaltigste, in
manchem schon gewaltsame malerische Verwirklichung der Raumidee
der Renaissance". Man betonte „die ungeheure Eindringlichkeit, mit der
hier der in einem einheitlichen Augenvorgang aufzunehmende, zu tief-
ster Harmonie gestaltete Raum als das große Urerlebnis der Malerei hin-
gestellt wird"1'). Eine genaue Analyse des besonderen Mareeschen Rau-
mes wurde bisher nicht versucht und so blieb auch der Ort, an dem die
Mareessche Zielsetzung form- und geistesgeschichtlich einzusetzen ist,
unbestimmt. Denn daß diese allgemeine Bestimmung als „Renaissance-
Raumidee" der Bildraumkomposition des Marees nicht gerecht werden,
kann, lehrt schon ein flüchtiger Vergleich der Mareesschen mit etwa der
Raffaelschen Raumauffassung: hier entweder linear-perspektivisch be-
stimmte äußerste Wirklichkeitsraum-Illusion (Schule von Athen) oder
eine weitgehende Raumabstraktion mit merkwürdig faszinierenden Per-
spektive-Einsprengseln (Sixtinische Madonna); dort (bei Marees) eine
in sich gleichmäßig bestimmte, dem Wirklichkeitsraum betont entgegen-
gesetzte Bildraumsphäre, die den Blick von außen wohl noch duldet,
aber schon nicht mehr — im ideellen Sinn — voraussetzt, sondern in
seltsam aufregender Labilität ihn anzulocken und zugleich abzuweisen
scheint. Die Entwicklung der Raumauffassung und Raumwiedergabe
innerhalb des halben Jahrtausends der Renaissancebildnerei spielt sich in
deutlich geschiedenen Etappen ab. Welcher dieser Etappen wäre die
Mareesche Raumkonzeption zuzuordnen?

Nur die späten Werke des Marees können hier als Prototyps gelten.
Der Weg zu ihnen, oder die künstlerische Entwicklung des Schöpfers,
stellt den bewußt unternommenen Abbau jener der Renaissance feuern
Linearperspektive dar. Schon in den frühen Bildern wird den diagonalen
Blickführungen (Waldrandmotiv, Hintereinander der Figurenanordnung

J) Walter Riezler, Das neue Raumgefühl in Kunst und Musik, in: Vierter Kon-
greß f. Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. Stuttgart 1931. S. 186.
loading ...