Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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Besprechungen.

Friedrich Kainz: Personalistische Ästhetik. J. A. Barth, Leip-
zig, 1932, VI und 184 S.

Der Verf. vorliegender Schrift will die Philosophie William Sterns für die
Grundlegung und Ausgestaltung der Ästhetik fruchtbar machen. Was er bietet,
ist, seiner eignen Absicht nach, „der Entwurf oder, bescheidener gesagt, die Vor-
bereitung eines ästhetischen Systems auf den Grundlagen der personalistischen
Ontologie, Anthropologie und Axiosophie" (37). Er hält sich dabei von der
dogmatischen Oberzeugung frei, „daß die personalistische Philosophie die einzige
Fundamentallehre sei, an der sich die Ästhetik orientieren könne" (15); aber er
glaubt doch, daß die Ästhetik durch die auf ihrem eigenen Forschungsgebiet ent-
springenden Schwierigkeiten dazu gedrängt werde, nach den „lebendig-konkreten,
ganzheitlich-gestalthaften Kategorien" zu prüfen, die ihr gerade der Personalismus
zur Verfügung stellen kann. Diese in der Einleitung (I.) entwickelte Überzeugung
wird in 8 Kapiteln erhärtet, die sich den verschiedenen Problemgebieten der
Ästhetik zuwenden. Dabei überwiegt trotz dem Reichtum an aufhellenden Bei-
spielen, die von der Nähe des Verf. zu seinem Gegenstand zeugen, gegenüber der
phänomenologischen Aufweisung und Deutung die argumentierende Reflexion.
Unter reichlicher Benutzung der vorliegenden Literatur (wobei allerdings die
neueren deutschen Arbeiten, z. B. von O. Becker, Haeberlin, Kaufmann und Ode-
brecht ausfallen) werden gegensätzliche Möglichkeiten erwogen und als Vorstufen
zu der in Sterns Personalismus vorgezeichneten Lösung behandelt. Planmäßig
wird zunächst die subjektive, dann die objektive Seite des Phänomens geklärt und
schließlich über diese Zweiseitigkeit der Betrachtung zu dem einheitlichen Phänomen
fortgeschritten.

Bei der Untersuchung des ästhetischen Zustandes, die den ausführenden Teil
eröffnet (II), hält K. an der „Tatsache der Kontemplation, der reinen Betrachtung
und autotelischen Funktionslust" (52) als an dem grundlegenden Phänomen fest,
will aber die Einseitigkeiten der Kontemplationstheorien durch die Lehre von der
Beteiligung der Gesamtperson am ästhetischen Erleben im Sinn der Lehre Sterns
überwinden. Diese Lehre muß ihrem Grundsinn nach jede Zerlegung der ästhe-
tischen Wirkung in seelische Elemente als ihre Faktoren ablehnen. Die Richtung
der personalistischen Theorie auf Ganzheit und Gestalt kommt in gleicher Weise
der Würdigung der Objektseite zugute (III. Das Problem der Gestalt). Der
Verf. kann hier weitgehend, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, die Er-
gebnisse der modernen Gestaltstheorie und -psychologie verwerten. Ferner ent-
wickelt er in Anknüpfung an Sterns Abhebungs-Einbettungstheorie den Gedanken
eines „Typendualismus von klar abhebender Gestaltung und minder streng durch-
gestaltender, lockerer, offener, einbettender Formung" (76). Die alte Vexierfrage
der Ästhetik, wie die beiden Seiten des Phänomens, ästhetisches Erlebnis und
ästhetischer Gegenstand, zusammengehören, versucht K. durch die beiden Begriffe
der „Persönlichkeitsapperzeption" (IV) und der „Einfühlung" (V) aufzulösen. Das
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