Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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KAZUHIKO SANO

europäische Kulturen „entdeckte" und sie in ihr ästhetisches System ein-
beziehen wollte. Die Wissenschaft der Künste, die ihrer Natur nach mehr
noch als andere Geisteswissenschaften neben allgemeinen Normen das
Individuelle und Eigentümliche gelten läßt, fühlte sowohl die Schwierig-
keit der Lage als auch die Wichtigkeit ihrer Lösung besonders stark.
So hielt die „expressionistische" Methode — um mit B e r n h e i m zu
reden — ihren Einzug in die historische Wissenschaft. In der Kunst-
wissenschaft folgten auf den Wiener Kunsthistoriker R i e g 1 Männer
vom Range Wölfflins, Worringers u.a. und deuteten die Riegi-
sche entwicklungshistorische Methode in eine typologische um. Der
„Geist" und das „Wesen" einer Kunst, bzw. Kultur, sollten in ihrer
Gesamtheit erschaut und intuitiv verstanden werden, befreit von einer
allgemeinen, verallgemeinernden Ästhetik. Man kämpfte gegen die huma-
nistische Idee der griechisch-europäischen Einheit seit der Renaissance
und dem Klassizismus. Die Freude an einer „primitiven" Kunst war nur
ein Symptom dieser oft fast krankhaft übertriebenen Geistesrichtung. Aber
trotz aller Modetorheiten steckte in ihr etwas Notwendiges und Rich-
tiges. Sowohl die Vorantike als auch Asien schwebt nicht mehr als ein
dunkler leerer Raum um die griechisch-europäische Kultur. Man bemühte
sich, die ägyptische, die kretische, die indische, die chinesische Kunst,
jede in ihrer Eigenart, richtig zu verstehen. Dennoch war die „expressio-
nistische" Richtung nicht befähigt, in dieser Sachlage ein neues klares
Weltbild zu schaffen, dies gelang vielmehr der Diltheyschen Weltan-
schauungslehre. Auch jener Richtung der Kunstgeschichte, die zu der
„Form", dem „Wesen" und dem „Geist" vordringen wollte, lagen not-
wendig schon Diltheysche Gedankengänge zugrunde. Aber je tiefer man
sich in das Wesen, in die Form und den Geist versenkt, mit desto größe-
rer Notwendigkeit stößt man auf die Grundstruktur einer typischen
Weltanschauung. Die Kunstwissenschaft muß neben einer historischen
Kunstgeschichte eine Geisteswissenschaft werden, und zwar eine, die mit
den Typen künstlerischer Kulturen zu tun hat.

Von dieser Grundanschauung aus könnte man die Probleme der japa-
nischen Kunst etwa so formulieren:

Erstens muß die japanische Kunst in ihrer zeitlichen Entstehung und
Entwicklung und in ihrem Verhältnis zu ausländischen Einflüssen real-
historisch erforscht werden. Dies ist die Aufgabe der Kunst geschieht e.
Sie ist in Otto Kümmels Werk hervorragend vertreten. Über dieses Ge-
biet bedarf es keiner weiteren Bemerkung.

Zweitens aber muß die japanische Kunst, als eine Gesamtheit in all
ihren Wandlungen, einheitlich betrachtet und in ihrem Weltanschauungs-
typ verstanden werden. Man hat einmal versucht, das ästhetische Wesen
der japanischen Kunst in einer „Rahmenlosigkeit" zu erblicken und es
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