Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

achtung der irdischen Kunst zu der des Schöpfer-Künstlers hin unter dem Einfluß
des Christentums statt. Augustinus beschränkt das Schöne auf die zwei höheren
Sinne und scheidet es vom Nützlichen. Positiv setzt er die Bedingungen des Schönen
fest, die sich so gruppieren lassen: 1. die Form gegenüber dem Stoff, 2. die Zahl
in Raum und Zeit, 3. das Verhältnis (da das Schöne nur selten einfach ist). Unter
den Verhältnissen (Proportionen) ist das schönste das der Gleichheit (4), auf das die
Symmetrie zurückzuführen ist. Von geringerer Bedeutung sind die Gradation (5),
die Varietät (6), die sich oft mit der Gleichheit verknüpft, die Distinktion (7) und
der Kontrast (8). Die gleichen, ähnlichen oder konträren Partien sind geeint durch
die Harmonie (9). Außerdem herrscht unter ihnen die Ordnung (10); sie formen
ein Ganzes (11), das schöner ist als die Teile, wenn es die Einheit (12), diese letzte
und höchste Bedingung der Schönheit, in sich begreift. Außer dem Schönen kennt
Augustinus noch zwei „Kategorien" der Ästhetik, das „Passende", das sich von
dem an sich absoluten Schönen durch seine Relativität unterscheidet (eine Sache ist
passend durch ihr Verhältnis zu einer andern),, und das Häßliche, das er als einen
Defekt der Form oder geringeren Grad der Schönheit (nicht aber als absolut)
nimmt.

Auf den Gegensatz des Natur- und des Kunstschönen legt Augustin deshalb
kein Gewicht, weil ihm die Natur ein Kunstwerk aus der Hand Gottes ist und das
Werk des Künstlers die Offenbarung des göttlichen Einflusses. Die Kunst ist ihm
vernünftige Tätigkeitsweise, obwohl er die Beteiligung der Phantasie an Poesie und
plastischen Künsten nicht verkennt. Ziel der Kunst ist die Schönheit, das Vergnügen,
nicht der Vorteil. Ein Kunstwerk beeinflußt unmittelbar die Sinne und so mittelbar,
durch die Signifikation, die Vernunft. Unter den Künsten bevorzugt Augustin eine
vernünftige und moralische Musik. Die Erkenntnis von der Schönheit des Alls ist
die erste und lebendigste, die Oberzeugung, daß Gott die höchste Schönheit besitzt,
die zweite Fundamentalerfahrung des Kirchenvaters.

Auch den subjektiven Faktoren des Schönheitserlebnisses geht Augustin nach.

Svoboda schließt mit der Behauptung, Augustinus' ästhetisches System sei das
vollständigste der uns überkommenen antiken Systeme und gleichsam die Synthese
und der krönende Abschluß der antiken Ästhetik. Außer der Gleichsetzung der
höchsten Idee Piatons mit Gott, der Bezeichnung Gottes als des Urhebers aller
geschaffenen Schönheit, der Hochschätzung der Allegorie und der Verachtung des
Theaters wie der plastischen Künste konnte der Kirchenvater aus den wesentlich
ethischen Ideen der jüdisch-christlichen Gedankenwelt fast nichts schöpfen. Dagegen
kamen von den Pythagoreern seine Lehren über Zahlen und Proportionen, von Pia-
ton das, was man über Liebe, sinnliche und geistige Schönheit, die absolute Schön-
heit der höchsten Idee liest, von Aristoteles der Gedanke der künstlerischen Schöp-
fung gemäß der Idee, von den Stoikern die Ansicht von der Schönheit des Alls, von
Poseidonios die Betonung der Einheit der Dinge und des vernünftigen Charakters
der Kunst, von Plotin die Gleichsetzung der Schönheit mit der Form und die Auf-
fassung, daß die Idee im Geiste das Kriterium des Anteils ist.

Die Arbeit, die auch die neuere Literatur möglichst mitberücksichtigt, freilich
meist nur allgemein und ohne genauere Angaben über das von Früheren im ein-
zelnen Geleistete (eine moderne Unart!), macht einen guten Eindruck durch die
Sorgfalt, mit der fast alle einschlägigen Stellen aus dem gewaltigen Schriftenkom-
plex des Afrikaners aufgesucht und verwertet werden. Insofern bedeutet sie einen
erfreulichen Fortschritt, aber die Schriften von Eschweiler und Wikmann (1909) wer-
den durch sie nicht überflüssig. Gut wäre es gewesen, wenn Svoboda, der seinen Vor-
namen (Karel?) sonderbarerweise verschweigt (es gibt doch wohl noch andere literarisch
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