Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BERICHT DER GESELLSCHAFT FÜR ÄSTHETIK

2. Stufe: der Manierismus sucht einerseits die gesteigerte Illusion, andererseits
ist seine formalistische Grundeinstellung an das Gesetz des Rahmens und der
planimetrischen Gegebenheit der Bildfläche gebunden. Die aus dem Bild blickende
Figur erhält eine Schwellenfunktion. Weder gehört sie ganz dem Existenz-
bereich des Bildes noch ganz dem des Beschauers an.

Der Bildinhalt wird erst im Appell an die subjektive Stimmung er-
zeugt. Die herausblickende Gestalt leitet antennenhaft die Empfindungsströme des
„Draußen" dem Bildkern zu und dirigiert andererseits von „drinnen" die Auf-
merksamkeit. Der Übergang zwischen den Welten wird sowohl formal wie inhalt-
lich gleichzeitig verschliffen und betont. Der Manierismus ist also weder autonom
wie die Renaissance noch heteronom wie das Barock, sondern durchaus ambivalent.
(Dies zugleich als Kritik an Michalskis Unterscheidung in autonome und hetero-
nome Stile). (Greco, Begräbnis des Grafen Orgaz; Spranger, Bildnis mit Gattin;
Caracci, Bacchische Scene).

3. Stufe: aus der allgemein gehaltenen Anrede des Prologus wird im Laufe
des 16. Jahrhunderts in steigendem Maße die direkte Anrede an einen Be-
schauer, Kennzeichen für die steigende Barockisierung der Kunst mit dem End-
ziel, daß beide Zonen sich selber im Affekt steigern oder auslöschen. Die Existen-
tialität liegt nicht mehr in der ästhetisch wohlgefälligen Form der Renaissance,
nicht mehr in der Einheit der „Stimmung" bei abgetrennter Illusionszone des
Manierismus, sondern im gemeinsamen Affekt bei völlig niedergerissenen
Raumschranken. Kunstwerk ist ein sublimes Mittel zum Selbstgenuß der Indivi-
dualität. Richtungsweiser auf den angestrebten Affekt hin ist die aus dem Bild
blickende Figur. Sie symbolisiert recht eigentlich die Zone des Übergriffs,
denn das Gemälde will jetzt mehr sein als Kunstwerk — es will der Beschauer
selbst sein. Durch die Überredungsformeln des Sentiments von der
Koketterie bis zur Ekstase, vermittelt im Medium des Blickes, wird dies Endziel
angestrebt (Caravaggio).

4. Stufe: die Sättigung ist im Augenblick erreicht, wo der Beschauer nicht nur
vorausgesetzt sondern problemlos selbstverständlich geworden ist.
Watteau's Gilles streicht den Beschauer gleichsam durch seinen Blick aus, weil
er ihn selbstverständlich findet. Der Illusionstrieb ist so sehr gesättigt, daß er
vom Reaktionsklassizismus als „naturalistisch" verdächtigt werden kann. In dieser
Situation muß die aus dem Bild blickende Figur verschwinden.

5. Stufe: haben sich vier Jahrhunderte darum bemüht, den Kontakt zwischen
Kunstwerk und Beschauer zu verfestigen und zu steigern, indem von einer
Realität in eine andere Realität hineingesprochen wurde, wobei sich die Kunstwelt
Schritt für Schritt dem Beschauer annäherte, so bewegt sich nun der Illusionsweg
in der umgekehrten Richtung. Der Beschauer hat das Bild in sich aufgenommen —
das ist jetzt Voraussetzung — seine Empfindung weist in das Bild zurück, heftet
sich an die ihn stellvertretende Gestalt der ins Bild blickenden Figur (C. D. Fried-
rich) und strahlt mit verwandelnder Kraft die ganze Macht des empfindenden
Subjekts in das Bild hinein. Die Existenzebene ruht im Erlebnis des
betrachtend empfindenden Beschauers, ihr Gleichnis ist die Rücken-
figur im Bilde. Das Gemälde ist nurmehr als Schöpfung des weltsetzenden
„Ichs" existent.

Die aus dem Bild blickende Figur ist demnach ein Kunstsymbol des existen-
tialen Bewußtseins und seiner historisch bedingten Erscheinungsformen.
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