Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

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natürliche Unendliche zu erkennen." Der Zusammenhang dieser Philosophie mit
der Idee des Erhabenen ist deutlich und wird hier aufschlußreich erörtert. Die
Debatte über das Erhabene hat „die Idee des unendlichen Ganzen zum Ausgangs-
punkt", und das Bewußtsein der Freiheit entwickelt sich in dieser Begegnung von
Ich und Unendlichkeit, in der das Ich sich mit dem Unendlichen eins weiß. Der
Verf. begreift denn auch gut, daß die Philosophie der unendlichen Landschaft nichts
als ein Teilstück der großen Debatte über das Erhabene ist, die das ganze 18. Jahr-
hundert durchzieht. Das Verhältnis des 18. Jahrhunderts zur Landschaft wird ein-
leitend kurz und gut dargestellt. Monographische Kapitel schließen sich an, in
denen das Hauptthema behandelt wird. Unter dem Begriff Philosophische Romantik
sind Hölderlin, Tieck, Wackenroder, die Schlegel, Schleiermacher, Hülsen, Novalis
zusammengefaßt. Die zweite Gruppe nennt der Verf. die des „naturalistischen
Idealismus", wohl nach dem Vorbild von Korffs Begriff des „Naturidealismus".
Hier wird über Schelling, Steffens, Goethe, Jean Paul, Runge, C. D. Friedrich,
Kleist und Carus gehandelt. Ein Kapitel über die Landschaft im Biedermeier stellt
das Ende der Erfahrungen dar, die in der Philosophie der unendlichen Landschaft
zum Bewußtsein gebracht werden.

Das kluge Buch ist reich an neuen Einsichten wie an wichtigen Zuordnungen
und Zusammenfassungen. Schade, daß die schwebende Weise des Denkens und be-
grifflichen Fassens dem Leser es schwer macht, die Funde zu heben. Es sieht so
aus, als wäre dem Verf. daran gelegen, seine Gegenstände in malerischem Halb-
dunkel lieber als in klarem Licht aufzustellen, und man möchte das ein roman-
tisches Philosophieren über ein romantisches Thema nennen.

Gießen. Karl Vietor.

Käte Hamburger: Thomas Mann und die Romantik. Neue For-
schung 15. Verlag Junker & Dünnhaupt. Berlin 1932.

Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Beziehung zwischen
Thomas Mann und der Romantik aufzufinden. Aber das „und" im Titel wird da-
durch nicht rechtmäßig, daß die Verfasserin selbst prophylaktisch die Sorge
äußert, „daß Nichtzusammenhängendes hier gewaltsam aneinander gepaßt" wird.
Eine Zusammenstellung wäre nur dann legitim, wenn der wirkliche, d. h. geschicht-
liche Zusammenhang aufgezeigt und Th. Mann als Erbe dargestellt würde. Das
Heraussuchen von geschichtlich neutralen Ähnlichkeiten verfälscht die Geschichte
und damit beide Glieder des Vergleichs. Einen geschichtlichen Zusammenhang auf-
zuzeigen, lehnt die Verfasserin aber ausdrücklich ab. Sie will, wie sie betont, nicht
den „Nachweis eines direkten quellenmäßigen Einflusses" der romantischen Schrif-
ten auf Th. Mann erbringen; sondern nur den „allgemeineren (Nachweis), daß das
Gedankengut, die Geisteshaltung, die die Romantik hinterlassen hat, ein so inte-
grierender Bestandteil des deutschen Geisteslebens geworden ist, daß in dem Werk
des modernen Dichters Thomas Mann — und nicht nur in dem seinen — ihr Pro-
blemgehalt neue Gestalt gewonnen hat". Daß die Romantik deutsche Tradition ge-
worden ist und daß Thomas Mann in dieser Tradition steht, ist so selbstverständ-
lich, daß es eines „allgemeineren Nachweises" nicht mehr bedarf.

So erscheint die Themastellung von vornherein als verfehlt. Dieser Eindruck
wird verstärkt durch den völlig unbestimmten bzw. nur vom Bildungsgerede be-
stimmten Gebrauch des Wortes „romantisch": „... wenn wir das Werk dieses ...
Dichters uns vor Augen stellen, so wird uns sozusagen wenig romantisch zumute."
K. Hamburger kann nicht erwarten, daß der Ausdruck dadurch an Helligkeit ge-
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