Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BEMERKUNGEN

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gemeinsam ist: es hat hier die Gemeinschaft des Volkes zauberhaft zu ihm gezogen.
Das Lied wurde im eigentlichen Sinne ein Volkslied.

Eichendorffs Werk war nicht eigentlich Neu Schöpfung, aber ein stetes
Schöpfen aus dem Quell des unversieglichen Lebens. Er hat das urtümliche
Raumgefühl, das rudimentär in so vielen Volksliedern steckt, vertieft und erlöst. Selbst
in den wenigen Fällen, wo er reine Kunstwerke statt einfacher Lieder schaffen will
wie in seinen Sonetten, erreicht er jene Durchtränkung mit urtümlichem Leben, die
seine besondere Begnadung ist, und abermals durch Vergeistigung und Vertiefung
des Raumgefühls. Alle Elemente des Eichendorffschen Gedichts sind hier in großer
Reinheit vereinigt. Die Räume sind wieder nach den äußersten Grenzpunkten des Bil-
des: nach Tiefe und Höhe gespannt. Der Raum selbst ist zur Musik geworden. Die
Rhythmen gleiten und schweben wie ein gelassener Vogelflug. Alles aber strahlt aus
der seelischen Grundhaltung des Wandertums und wie aus den Über-Räumen des
Jenseits gesehen, aus dem ewigen Licht: „D e r D i c h t e r" (3. Sonett):

„Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,
Wo goldne Ströme gehn und dunkel schallen,
Gesänge durch das Rauschen tief verhallen,
Die möchten gern ein hohes Wort dir sagen.

Viel goldne Brücken sind dort kühn geschlagen,
Darüber alte Brüder sinnend wallen —
Wenn Töne wie im Frühlingsregen fallen,
Befreite Sehnsucht will dorthin dich tragen.

Wie bald läg' unten alles Bange, Trübe,

Du strebtest lauschend, blicktest nicht mehr nieder,

Und höher winkte stets der Brüder Liebe:

Wen einmal so berührt die heil'gen Lieder,
Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,
Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne!"
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