Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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Die Lautgestaltung in der Lyrik.

Von

Heinrich Lütjeler.

Es ist eines der Hauptanliegen gegenwärtiger Kunsttheorie, das
Leben der künstlerischen Form zu klären. Außerordentlich
reich sind die Ansatzpunkte dieser Forschungen: kunstgeschichtliche
(etwa bei Wölfflin), literarhistorische (etwa bei Walzel), philosophische
(etwa bei Odebrecht); außerordentlich vielgestaltig sind die Fragestellun-
gen: Faktoren der Form, Stil und Grundstile, äußere und innere Form,
Form und Volkstum, Form und menschliche Gemeinschaft usw. Aus all
diesen Untersuchungen drängt sich immer wieder eine Frage hervor: ob
nicht der Gehalt des Kunstwerks zum Teil n u r in der Form erscheint, so
daß derjenige, der lediglich das Motivische des Werks beachtet, nur einen
Teil des Gehalts erfaßt und damit das Werk als Ganzes nicht erfaßt; es
ist die Frage nach dem motivunabhängigen, sozusagen autonomen Leben
der Form.

In diesen Zusammenhang heutiger kunsttheoretischer Bemühung
möchte sich auch die folgende Studie über die Lautgestaltung in der
Lyrik einordnen; sucht sie doch zu erweisen, daß die Lautgestaltung in
der Lyrik keineswegs nur eine schmückende Zugabe zu sein braucht, son-
dern vom innersten Kern des Gedichts geprägt sein kann, und daß die
also sinnträchtige Lautgestaltung gewissen Gehalten zum Ausdruck ver-
hilft, die oft nur in der Lautgestaltung und nicht etwa in der Komposition
oder im reinen Gedicht-Inhalt zum Ausdruck kommen. Dabei ist unter
Lautgestaltung die künstlerische Formung von Alliteration und Assonanz
sowie die schöpferische Verwendung des (z. B. hellen oder dunklen, har-
ten oder weichen) Charakters von Lauten zu verstehen. Ungefähr in diese
Richtung zielen die folgenden Bemerkungen.

So lautet denn die leitende Frage: Was vermögen Laute zur schöpfe-
rischen Gestaltung eines Gedichts beizutragen? Es ist klar, daß die Frage
nach der künstlerischen Bedeutung der Lautgestaltung vorzüglich an die
Lyrik gerichtet werden muß; denn wenn auch Drama und Epos gelegent-
lich die Lautgestaltung als Formmittel einsetzen, so geschieht es doch nur
beiläufig, während in der Lyrik dieses Formmittel zentral
werden kann. Wieviel für die Gesamtheit des Gedichtes mitunter von der

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