Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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Neuere Richtungen in der tschechischen Ästhetik

und Kunstwissenschaft.

Von

Karl Svoboda.

In der neueren tschechischen Ästhetik, die man ungefähr vom Tode
des auch in Deutschland bekannten OtakarHostinsky (1847—1910)
datieren kann, lassen sich ziemlich klar zwei Hauptrichtungen unterschei-
den: die realistische, aristotelische Ästhetik „von unten" und die ideali-
stische, platonische Ästhetik „von oben". Die erste Richtung hängt mit
dem Aufstieg der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert zusammen; die
andere geht von der geisteswissenschaftlichen Reaktion am Ende des 19.
und am Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Der Begründer der ersten Rich-
tung ist Hostinsky gewesen: den Herbartischen Formalismus, von dem er
ausgegangen ist, faßte er viel konkreter auf, als es deutsche Herbartianer
zu tun pflegten. Er stellte mit Hilfe der Physik, der Physiologie und der
Psychologie die ästhetischen Elemente fest, wobei er sich auch des Experi-
mentes bediente. Er leitete die ästhetischen Grundsätze nicht von dem
abstrakten Schönheitsbegriffe ab, sondern von den konkreten Kunstwer-
ken. Er erforschte mit Hilfe der Ethnologie den Ursprung der Kunst und
untersuchte ihre Rolle in der Gesellschaft. Als Mitglied der ersten großen
Lehrergeneration der erneuerten tschechischen Universität bildete er viele
Schüler auf dem Gebiete der Ästhetik und der Kunstgeschichte heran.

Hostinskys treuster Schüler in der Ästhetik war OtakarZich (1879
—1934). Als eifriger Verfechter der empirischen Ästhetik widmete er sich
besonders der Theorie der Einzelkünste. Er ging von der Musik aus, die
ihm als Komponisten am nächsten lag und mit der sich auch Hostinsky
am meisten beschäftigt hatte. An Hostinskys Buch „Die Lehre von den
musikalischen Klängen" (1879) lehnte er sich in seinen Erstlingsabhand-
lungen (Gymn.-Progr. Domazlice 1903—05) an, in welchen er vom physi-
kalischen und physiologischen Standpunkte aus die Ursachen der Klang-
farbe, den Ursprung der Melodie und die sog. subjektiven Untertöne
behandelte. Überwiegend psychologisch ist seine weitere Arbeit „Esteticke
vni'mäm hudby" („Ästhetisches Auffassen der Musik" 1910), in welcher
er die Lehre Hostinskys über die ästhetische Wirkung der Musik („Das
Musikalisch-Schöne und das Gesammtkunstwerk" 1877) nachzuweisen
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