Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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Bemerkungen.

Sprachphilosophie und Ästhetik.

Von

FriedrichKainz.

Die Sprache ist eine Tatsache, die nicht nur für die damit beschäftigten empiri-
schen Einzelwissenschaften sowie den ihnen zu- und übergeordneten Teilausschnitt
aus dem Gebiet der Philosophie, sondern auch für die Ästhetik und allgemeine Kunst-
wissenschaft hohes Interesse besitzt. Als Material der Dichtung, aber auch schon
in ihrer vorkünstlerischen Seinsweise ist sie ein wichtiges Verwirklichungsgebiet des
ästhetischen Werts. Die Vertreter der Ästhetik haben daher allen Anlaß, ihre theore-
tische Besinnung auch auf dieses Gebiet zu richten und sich dabei dankbar der Hilfe
derjenigen zu bedienen, die zufolge ihrer ganzen sonstigen Forschungsarbeit dem
genannten Lebensphänomen nähergekommen sind, als der Ästhetiker es aus eigenen
Mitteln vermag.

Julius Stenzeis Sprachphilosophie1).

Daß ein Werk sprachphilosophischen Inhalts in einer den Forschungsanliegen
der Ästhetik gewidmeten Zeitschrift einläßliche Besprechung findet, wird heute wohl
nicht mehr wundernehmen, seitdem B. Croce zwischen der als allgemeiner Aus-
druckslehre gefaßten Ästhetik und einer „linguistica generale" enge Bezüge her-
gestellt hat und in der Sprachwissenschaft selbst starke ästhetische Tendenzen zur
Geltung gelangt sind, wofür K. Voßler und die Gruppe idealistischer Neuphilologen
um ihn Beispiele liefern. Ohne daß damit die Einordnung in einen Schulzusammen-
hang ausgesprochen sein soll, kann für die vorliegende Arbeit Ähnliches behauptet
werden. Von Sprachästhetik und ihren Aufgaben ist freilich nur gelegentlich und
kaum je ausdrücklich die Rede; ihrer Zielsetzung und allgemeinen Einstellung nach
wäre die vorliegende Schrift als eine Phänomenologie der Sprache, als Wesenslehre
ihres Seins und Sinns zu kennzeichnen: dennoch kommt dabei auch für die Ästhetik
so viel heraus, daß die Auseinandersetzung mit ihr in dem Fachblatt der genannten
Wissenschaft als gerechtfertigt erscheint. Und zwar wird nicht nur die spezielle
Sprachästhetik gefördert, sondern auch die allgemeine Ästhetik und Kunstwissen-
schaft, sogar solche Bereiche in ihr, die mit Sprache zunächst nichts zu tun haben,
wie etwa die genetische und entwicklungsgeschichtliche Betrachtung der musischen
Künste, die Theorie des Rhythmus usw. Diese Berührungen und Gemeinsamkeiten
kommen dadurch zustande, daß die Sprache in den Umkreis der allgemeinen Aus-
druckstatsachen eingeordnet und von hier aus begriffen wird, ohne daß doch über der

x) Julius Stenzel, Philosophie der Sprache. München und Berlin 1934,
Verlag von R. Oldenbourg (= Handbuch der Philosophie hrsg. von A. Baeumler und
M. Schröter, Abteilung IV).
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