Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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Die Wertsphäre des Tragischen.

Von

Emma von Ritoök.

I.

Das Problem des Tragischen, so oft und so durchgehend in der Ästhe-
tik erörtert, schien lange keine neuen Gesichtspunkte zur Diskussion zu
bieten; vielmehr sind in der letzten Zeit Theorien aufgekommen, die selbst
jene Sinndeutungen dieser Kategorie, die als festgesetzt galten, in Frage
stellen. Nicht nur die bekannten Bestimmungen einzelner Konstituenten
der tragischen Sphäre werden größtenteils wieder problematisch, sondern
die Anschauungen, die das eigentliche Wesen des Tragischen betreffen,
enthalten einander entgegengesetzte Definitionen. Es scheint, daß die viel-
seitigen Erörterungen und die Überbürdung des Tragischen mit überlie-
ferten Theorien seit Aristoteles für das Problem keine endgültige Ent-
scheidung gebracht haben, und statt es in eine reinere Beleuchtung zu
stellen, am ganzen Komplex immer mehr problematische Seiten aufdeckten.
Aber eben diese vielseitige Beleuchtung, das immer erneuerte Interesse
beweisen, daß in diesem Problem etwas viel Tieferes enthalten ist, als daß
die allgemein angenommene Ansicht zur Lösung genügen kann, nach
der das Tragische eine Modifikation des Schönen nebst den anderen Modi-
fikationen sein soll. Doch wenn die alten Stützen der Sinndeutung des
Tragischen wanken, scheinen die neueren Hilfsvorrichtungen auch keine
Sicherheit zu gewähren. Es wurde weder eine annähernde Einheitlichkeit,
noch Evidenz erreicht.

Am entscheidendsten sind für die Problemlage des Tragischen jene
Theorien, die es überhaupt aus dem Gebiet des Ästhetischen verbannen,
entweder weil sie es als eine ethische Kategorie betrachten oder es für ein
Element der Wirklichkeit oder des Lebens halten. Die metaphysischen
Theorien sehen dagegen darin eine kosmische Weltkonstitution. Der ganze
verschlungene Komplex der Frage erhielt dadurch eine Erschütterung;
die künstlerische Gesetzmäßigkeit der Tragödie wie ihr ästhetischer Wert
müßten in diesem Sinne umgewertet werden, sobald die rein ästhetische
Gültigkeit der Kategorie bezweifelt wird. Durch die Verletzung der „Eigen-
gesetzlichkeit des Kunstwerkes" durch Übergriffe aus anderen Wertgebie-
ten wird aber auch an die Autonomie des Ästhetischen gerührt.
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