Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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Bemerkungen

Das Raum-Erlebnis in der Lyrik Eichendorffs.

Von Johannes Klein.

Wenn man die ewigen Töne im Liede des Lyrikers erhorchen will, so genügt es
nicht, ihr Verhältnis zu den wechselnden Erfahrungen, ihre Färbung durch das Er-
leben zu begreifen, sondern man muß eins erfassen: jenes eine Einsame,
das seinen Gesängen gemeinsam ist und die Gemeinschaft seines Volkes zauberhaft
zu ihm zieht. Denn seine Lieder sind chorisch; sie ergeben zusammen das große
brausende Lied. Der vielstimmige Gesang steigt aus der Ur-Erschütterung, aus
einem Grund-Erlebnis der Welt, das sich in den Stimmen der Einzel-Erlebnisse offen-
bart und doch der große Chor des einen Grund-Erlebens bleibt. Erst durch solchen
Zusammenhang gewinnt das Einzelgedicht seine besonderen Farben und Töne und
seine tiefe Bewegung. Erst wenn man solchen Zusammenhang erkennt, weiß man zu
scheiden: dies ist „ein" Goethe, „ein" Hölderlin, „ein" Brentano. Diese Unterschei-
dung bildet sich schon früh im Gefühl, aber selten tritt sie ins Bewußtsein. Es ist
schwer, sehr schwer, diese Einheit von einzelnem Lied — und Chor des Werks, vom
Urlicht des Grund-Erlebens und der Brechung im konkreten Erlebnis zu erfassen.
Oft bleibt die Deutung der Lyrik bei geistesgeschichtlicher Überschau stehen und hört
den Sonder-Ton nicht mehr; oft verliert sie sich in der Beziehung zwischen Leben und
Gedicht und mißversteht das Persönliche: sie hört nicht, was durch tönt, sondern
was wider tönt. Oder aber sie geht über die Erkenntnis feiner, bezeichnender Ein-
zelheiten nicht hinaus und verliert, was die Eigenschaften zum Wesen bindet: die
lyrische Grund-Struktur. Ich möchte diesen Vorstoß zur letzten Einheit
an der Lyrik eines Dichters versuchen, der geistig sub specie aeterni, in einem
überzeitlichen, doch nicht zeitfeindlichen Empfinden lebte: in den großen Räumen
der Ewigkeit und im wandernden Heimweh nach der ewigen Heimat, — der land-
schaftlich stets im Vollgefühl von Höhen und Tiefen, abermals von weiten Räu-
men lebte: das ist Joseph von Eichendorff. Die lyrische Grund-Struktur
aber ist das Raum-Erlebnis. Es ist jenes eine Einsame, das seinen Gedichten gemein-
sam ist; denn die Einheit von geistigem und landschaftlichem Raum war sein Er-
leben allein. Und es ist zugleich das Zauberhafte, das die Gemeinschaft seines Volkes
zu ihm zieht; denn der landschaftliche Raum ist allen gemeinsam, und alle bindet ein
dunkles Verlangen, diesen Raum ins Ewige zu erhöhen. Klarer Blick ins Leben
und Verklärung des Lebens, — das widerspricht sich bei Eichendorff nicht; denn
beides geschieht im schwebenden Raum von Wirklichkeit und Überwirklichkeit zu-
gleich, in einem räumlichen Hinaufsteigen von der Tiefe ins Licht. Glauben an Gott
ist ein Weit wer den des Herzens, eine schmerzhaft schöne Erfahrung vom end-
lichen Raum, der in den unendlichen hinübergeht. Die feiernde Natur ist nicht Gott,
aber die Natur ist die Feier Gottes; auch das Landschafts-Erlebnis ist ein Hinauf-
steigen von Tiefen zu Höhen ins ewige Licht. Man sagte wohl, seinen geistlichen Lie-
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