Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BEMERKUNGEN

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Das Herzensdrama bei Gerhart Hauptmann

Von

Johannes Klein

Es gibt ein Wel t-Drama. Grundkräfte und Urleidenschaften des Menschen
bekämpfen einander. Dies Drama ist kriegerisch auch ohne kriegerische Stoffe;
denn der Kampf bis zum bittern Ende und die Ritterlichkeit, welche die Einheit
über aller Zweiheit andeutet (Hebbel) oder die Sympathie mit der ewigen Über-
macht versinnbildlicht (Schiller), gehören in solchem Drama wie im echten Kriege
zusammen. Man denkt an die Werke Schillers, Hebbels, an die polare Gesetzlich-
keit der Gegensätze. Dieser Kampf wird in der Komödie zum Spiel, weil Spiel
immer eine Art Kampf ist (Moliere).

Es gibt ein Zustand s-Drama. An Stelle der Weltweite tritt Alltagsenge,
Urleidenschaften werden bloße Zustandsstrebungen. Dieser Dramentyp steht un-
willkürlich der Komödie näher; denn das Alltägliche und Enge wirkt leicht lächer-
lich, wenn man es objektiv sieht, vollends, wenn das Zuständliche sich welthaft
gebärdet. Man denkt an Dramatiker wie Iffland oder Sudermann, aber auch an
manche Stücke Gerhart Hauptmanns. Eine kleinliche Gesetzlichkeit führt zu Gegen-
sätzen. Wie treffliche Komödien das Zustandsdrama ergibt, beweisen Kotzebues
„Deutsche Kleinstädter" und Gustav Freytags „Journalisten"; wie schlecht es sich
zur Tragödie eignet, zeigt Gerhart Hauptmanns „Michael Kramer". Denn hier
verwischt das Zuständliche das Erhabene, und tiefe Gedanken werden durch die
unmusische Sprache des Zustandsdramas entstellt.

Es gibt ein Herzen s-Drama. Auch hier treten Urkräfte und Urleiden-
schaften auf. Aber die dramatische Kontur besteht nicht in der Zweiheit feind-
licher Parteien, sondern in der Vielheit der Gruppen, Buntheit der Kämpfe und
Reichhaltigkeit der Bilder. Im Welt-Drama wird die Einheit erst in der Ver-
nichtung der Zweiheit bewußt, sei es im Untergang einer Partei, der Fall des
Trauerspiels, — sei es in einer spielerischen Niederlage oder gar in einem lächer-
lichen Sieg, der Fall des Lustspiels. — Im Herzens-Drama bleibt die Einheit auch
im Ringen der Gegensätze immer bewußt, weil alle Gestalten aus dem Traum der
Seele aufsteigen und selten die Deutlichkeit der wirklichen Welt erreichen. Man
erlebt das Welt-Drama in Erschütterung, das Herzens-Drama in nachdenklicher
Stimmung. Ähnlich wie in der Lyrik ist das erlebende Herz der Mittelpunkt, aber
anders als in der Lyrik sind die dramatischen Widersprüche der eigentliche Stoff.

Dies Herzensdrama ist schon früh dagewesen; es sei nur an Grillparzers
„Traum ein Leben" erinnert. Das Stück spielt in der Seele des Träumenden und
zeigt das Wogen der kämpfenden Gruppen, die Flut der Bilder; es ist auf den
Herzens-Mittelpunkt durch öfteren Durchbruch des Traumbewußtseins bezogen. —
— Das klassische Herzensdrama schuf erst Richard Wagner, gab ihm jedoch
durch Verbindung mit der Musik einen so besonderen Charakter, daß es schien,
als gäbe es im Wort-Kunstwerk gar kein Herzensdrama, sondern nur im Wort-
T o n-Kunstwerk. Er wandte das Mittel der Leitmotive an, um einerseits die
Gruppenkämpfe zu bezeichnen, um andererseits den Herzens-Mittelpunkt zu be-
tonen. Ich denke da an den „Ring des Nibelungen". Dort wird einem durch das
Wotan-Motiv immer wieder bewußt, daß die Handlung in Wotans Herzen
spielt. Zugleich ist der „Ring des Nibelungen" mit seinem Grundthema: dem
Kampf zwischen Macht und Liebe, ein Beispiel, wie welthaft das Herzensdrama
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