Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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rend die Vorgeschichte ganz und gar auf Vermutungen angewiesen ist,
da sie sich auf Zeiten erstreckt, aus denen wir sonst keinerlei Zeugnisse
besitzen. So ist etwa die Potraitskulptur der heute lebenden Primitiven
eingeordnet in den ganzen umfassenden Zusammenhang von Totenritus
und Geisterglauben. Der Fetisch steht in magischen Wunschzusammen-
hängen der Machterhöhung oder der Furcht vor übermächtigen Ver-
nichtungsgewalten. Die Lieder und Tänze erwecken durch das Mittel
der Metapher und des Symbols die kosmischen Kräfte der Fruchtbar-
keit bei Mensch, Tier und Pflanze. Sie gliedern sich ein auf magische
Weise in die Zusammenhänge von Regen, Sturm und Trockenheit, die
sie bewegen oder hinwegbeschwören. Selbst die verwendeten Worte wer-
den bestimmt aus weiteren Zusammenhängen, so daß Worte, die dem
Namen eines verstorbenen Häuptlings ähnlich sind oder Gleiches oder
Ähnliches bedeuten, nicht gebraucht werden dürfen und durch Silben-
umstellung unkenntlich gemacht werden, um eine gefürchtete Gegen-
wart nicht durch Nennung ihres Namens heraufzubeschwören, wie
das ostafrikanische „bazim" (Löwe) verwandelt wird in „zimba".
Schließlich stehen die erwähnten Lieder und Tänze an einem festen
Platz in der Gesamtgestalt des Jahres mit seiner Gliederung in Früh-
ling, Sommer, Herbst und Winter, sie begleiten den auf- und absteigen-
den Rhythmus der Sonnenbahn in ihrem jährlichen Umlauf und be-
grüßen die Sonne nach ihrem täglichen Kampf mit der Nacht.

Hier erhebt sich jedoch ein neues Problem. So stark sind diese über-
greifenden Zusammenhänge im Leben der Naturvölker, daß die Eigen-
bedeutsamkeit des Kunstwerkes vor ihnen in nichts zusammenschmilzt.
Nicht jedes Kunstwerk der Naturvölker erreicht auf diese Weise eine
Form, die unmittelbar eingehen könnte in unser eigenes Kunstbewußt-
sein. Und die aus einem Jagdzauber entsprungenen Zeichnungen der
Höhlen von Altamira, deren ansprechende Lebendigkeit so groß ist,
daß man der Vorgeschichte doch immer nur mißtrauisch lächelnd zu
vertrauen wagt, sind durchweg Ausnahmen. Auf der anderen Seite fin-
den wir — selbst bei Völkern, die ihrer technischen Handfertigkeit nach
verhältnismäßig hoch stehen — denkbar bescheidene Gegenstände,
Steinchen, kleine Holzstücke, die mit intensiver Scheu und Hochachtung
behandelt werden, obwohl sie nur mit ein paar Kreisen, Strichen und
Punkten bemalt sind. Da dieselben Steine und Holzstücke neben ihrer
Amulettwirkung auch als Schmuck verwandt werden, ist trotz ihrer
äußerlichen Anspruchslosigkeit eine feste Beziehung zum künstlerischen
Bewußtsein gewahrt. Bei diesen Gegenständen, etwa den Tjurunga-
Steinen der australischen Aranda- und Loritjastämme, sind diese Be-
züge mit sinnvollen Zusammenhängen, die jenseits des vorliegenden
Kunstgegenstandes stehen, derart stark, daß man schwanken darf, ob
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