Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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Bemerkungen

Spätromanik und Frühgotik

Von

Walter Del- Negr o

Es gehört zu den schwierigsten Problemen der mittelalterlichen Kunstgeschichte,
das gegenseitige Verhältnis von Spätromanik und Gotik zu klären. Nicht nur, daß
in Deutschland und Italien noch spätromanisch gebaut wird, während Nordfrankreich
schon längst zur Früh-, ja Hochgotik übergegangen ist — das wäre im Prinzip
nicht auffälliger als das zeitliche Nebeneinander der Spätgotik in Deutschland und
der Renaissance in Italien — vielmehr ist im Ursprungslande der Gotik selbst die
gegenseitige Abgrenzung von Spätromanik und Frühgotik höchst problematisch.

Dies muß ausgesprochen werden, obwohl die Herkunftsfrage für die Gotik wohl
im ganzen als gelöst zu betrachten ist. Es wird wohl kaum noch bestritten werden,
daß die entscheidenden Anregungen aus der Normandie gekommen sind (mögen
auch wichtige Einzelheiten aus anderen Provinzen übernommen worden sein). Es
läßt sich eine stetige und durchaus folgerichtige Entwicklung von den normannischen
Bauten wie Mt. St. Michel, Lessay, Ste. Trinite und St. Etienne in Caen usw. über Sens
und Le Mans, St. Germer und St. Denis, Senlis und Noyon zur Pariser Notre Dame
hin beobachten, die dann etwa am Abschluß der Vorbereitungsepoche, am Eingangs-
tor zur reinen Gotik steht. Die Normandie führt zunächst durch die Wandgliederung
mit durchlaufenden Vertikalen, sodann durch die Einführung des Rippengewölbes die
Elemente des Dynamismus in die sonst so wenig dynamisch empfundene romanische
Architektur ein, die dann in allmählicher Weiterbildung zur Massenverzehrung und
visionären Raumgestaltung der Gotik gesteigert wurden. Auch die gotische Grundriß-
lösung mit ihrer einheitlichen West-Ostorientierung erscheint in der Normandie vor-
gebildet, nicht minder die große Bedeutung der Fassade mit den Westtürmen (St.
Etienne-Caen; von hier geht der Weg zu den Fassaden von St. Denis und Chartres).

So ergibt sich das Bild einer einheitlich aufsteigenden Entwicklung von primi-
tiv-archaischen Vorstufen zu klassischer Höhe. Die einzelnen Schritte dieser Ent-
wicklung sind bezeichnet durch die Gruppe der flachgedeckten Emporenbasiliken
(mit Diensten) des 11. Jahrhunderts, weiter durch den Übergang zum Rippen-
gewölbe — normannische Kirchen um 1100, die Rippen noch nicht konstruktive Trä-
ger, sondern gleich den Diensten Darsteller der gedachten mechanischen Funktio-
nen (G a 11) —, sodann, bei der Übernahme durch die Ile de France, durch die kon-
struktive Verbesserung des Rippengewölbes, die aus den Rippen wirkliche Träger
machte, die Kappen in leichte Füllungen verwandelte, damit die Voraussetzung zur
Ausscheidung der Wandflächen bot und so den Schritt zur eigentlichen Gotik be-
deutete.

Der primitive Charakter der Anfänge erhellt nicht nur aus der technischen Un-
vollkommenheit der ersten Rippengewölbe, er läßt sich auch erkennen in der nur
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