Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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Musik und Plastik bei den Griechen

Beitrag zur vergleichenden Entwicklungsgeschichte der Künste

Von

G. F. Hartlaub

Das Unternehmen, welches unser Titel ankündigt1), wird sogleich
bei manchen Lesern Zweifel wecken. Ist die Fragestellung sinnvoll und
aussichtsreich? So gewaltig die Überreste antiken Bildens und Bauens
sind, so bescheiden muten doch die Trümmer griechischer Musik uns
an. Unmöglich daher, die beiden Künste auch nur einigermaßen gleich-
mäßig in ihrem Entwicklungslauf zu verfolgen, etwa ihr Verhalten in
bestimmten Einzelepochen gegeneinander abzuwägen — so wie das ein
Franz Wickhoff mit gutem Recht für Bildkunst und Dichtkunst, z.B.
der Diadochenzeit oder der Virgilepoche, vorgeschlagen hat2). Man
könnte ja höchstens über den Stilwandel der Musik in größten Zügen
etwas ausmachen und diesen zur Not dem geschichtlichen Rhythmus
der Malerei, Plastik und Musik — unter fast gewaltsamer Weglassung
aller Einzelheiten — zu vergleichen suchen. Wäre aber selbst eine
solche Untersuchung fruchtbar? Musik und Dichtung, Musik und Or-
chestik auch, ja selbst Dichtkunst und bildende Kunst stehen sich nahe
genug, haben viele gemeinsame Aufgaben und die Frage nach ihrer
Verwandtschaft im Sein und Werden griechischen Geistes leuchtet min-
destens theoretisch ein. Aber Musik und bildende Kunst, solche „Kunst
für das Auge", die nicht einmal das zeitliche Bewegungselement der
Orchestik mit dem tönenden Gestalten teilt: wo findet ein Vergleich da
den Ansatzpunkt und das greifbare Ziel?

Wir hoffen, daß die nachfolgende Untersuchung unsere Fragestel-
lung trotz solcher Bedenken rechtfertigen wird. Gerade darum, weil
bildende und tönende Künste nicht unmittelbar aneinander grenzen,
vielmehr polar am entgegengesetzten Ende der Skala der Künste stehen:

x) Die folgenden Ausführungen bilden einen (erweiterten) Abschnitt der in
Vorbereitung befindlichen zusammenfassenden Arbeit des Verfassers „Bildende
Kunst und Musik; ihr Verhältnis in der Geistesgeschichte".

2) Franz Wickhoff und Ritter von Härtel, Die Wiener Genesis; Einleitung. „Sie
schreiten wohl zumeist nach gleichen Zielen, gehen aber verschiedene Wege; sie
begegnen sich fast nur am Beginn und am Ende der Entwicklungsreihe."
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