Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

nicht in dem eigentlich dem Roman gewidmeten 2. Teil), sind entweder, wie die
aus Schulz, Bretzner, Schubart, Hippel, ohne jeden eigentümlichen Sinn, oder sie
beziehen sich auf die von dem Guckkastenmann geübte moralische Ausdeutung
seiner Bilder, haben also mit L.s eigentlichem Problem gar nichts zu tun, oder
sie haben einen schon völlig von der Betonung der starren Situation ver-
schiedenen Charakter. Von solchen Wandlungen, namentlich von der schon vor
einer Reihe von Jahrzehnten untersuchten Bedeutung, die der antirationalistische
Sturm und Drang dem Guckkasten-Gleichnis gibt, indem er nicht mehr die Be-
wegungslosigkeit der Einzelbilder, sondern das rasche Vorübergleiten der ganzen
Vorführung betont, spricht L. in seinem Schlußwort, in dem er das Aufhören des
Rationalismus behandelt; aber im Grunde gehören doch auch die von ihm (S. 33)
zum Rationalismus gestellten Sätze aus Wielands „Abderiten" (1778) hierher, und
auch die Stelle aus Bretzner (S. 34) betont nicht die Starrheit des Bildes, sondern
das Auftauchen und Verschwinden der Gegenstände und paßt daher auch nicht zu
der Betrachtungsweise, um die es L. geht. Im Grunde ist also tatsächlich nur
der einzige Wezel von der L.sehen Art.

Und dieses grotesk dürftige Material soll nun eine Hauptstütze für L.s ge-
samte Betrachtungsweise sein! Der oberflächliche Leser kann es freilich nicht
merken, w i e dürftig das Material ist, denn ganz als wäre es riesengroß ist das
gesamte Buch, auch der zweite Teil, in dem doch tatsächlich der Guckkasten über-
haupt nicht mehr erscheint, von einer triumphierenden Guckkastenterminologie
durchsetzt: „Der Guckkastenausschnitt des Kopfes", „Der rationalistische Guck-
kastenmensch", „Die Guckkastentechnik", „Die Guckkastenschau des Rationalis-
mus", „Das Porträt als Unterform des Guckkastenbildes" und dergleichen. Es ist,
als brauchte der Verfasser unbewußt die ständige Wiederkehr solcher Schlagworte,
um sich selbst den Glauben an die Realität seiner Visionen zu erhalten.

Visionen h a t L. ohne Zweifel, und das ist eine durchaus nicht unbeträchtliche
Mitgift für den, der philologische Arbeit leisten will. Um so schmerzlicher ist
es mir, daß mir die Aufgabe zufiel, der trockene Schleicher zu sein, der diese Fülle
der Gesichte stören muß. Möchte doch L. bei seinen künftigen wissenschaftlichen
Arbeiten diese Aufgabe selbst übernehmen, im Sinne eines hübschen Sprüchleins,
das der erste Vertreter der nordischen Philologie an der Berliner Universität,
einer der ersten Ibsen-Apostel in Deutschland, Julius Hoffory, vor bald einem
halben Jahrhundert in das nur handschriftlich vorhanden gewesene, leider, wie es
scheint, in Verlust geratene „Album der Berliner Germanisten" geschrieben hat
und das ich bei dieser Gelegenheit der Vergessenheit entreißen möchte:

„Einst fanden und verbanden sich Kritik und Phantasie;
Aus diesem Bund ein Kind entstund, genannt Philologie."
Berlin. Max Herrmann.

Gesellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft
Veranstaltungen der Berliner Ortsgruppe

Am 25. April 1935 hielt der Maler Dr. Ernst Wagner einen Vortrag über
den Expressionismus als Weg und Irrweg. Er versuchte einzuführen
in die Sphäre des nicht einmal jedem Künstler bewußten Gestaltungsurgrundes.

„Guckkasten", sondern braucht den auf ein ganz niedriges Publikum berechneten
Namen „Raritätenkasten") und um die ihm widerliche Form, in der Dusch seine
Herrlichkeiten anpreist, zu parodieren: „Und abermals repräsentiert sich —." „Und
abermals repräsentiert sich —", die Art des Marktschreiers, der den Raritäten-
kasten vorführt und immer wieder das nächste Bild anpreist.
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