Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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KUNSTWERK ALS QUELLE KUNSTTHEOR. EINSICHTEN 27

zerstört es geradezu. Darum kann eine echte Wesenslehre der
Kunst die Kunst auch nicht als griechische oder abendländisch-christ-
liche Kunst, als klassische oder romantische, naturalistische oder sym-
bolische Kunst erfassen — alles Formulierungen, die ihren Ausgang
nehmen von einer im weltanschaulich vorbestimmten Kunstwerk an-
gelegten existenzialen Offenbarkeit vom Sinn des Lebens und der
Kunst —, sondern nur als Kunst schlechthin. Die eigentümliche Sinn-
haftigkeit der Kunst schlechthin philosophisch zum Ausdruck zu bringen,
bleibt also das aufgegebene Problem der zukünftigen Forschung (wobei
wir hier noch bemerken wollen, daß auch bei Nohl diese Auffassung
besteht, wie sein Hinweis lehrt, daß mit der Ausbildung von Welt-
anschauung der Sinn der Kunst nicht erschöpft ist. Allerdings scheint
uns dieser Hinweis nicht mit dem notwendigen Nachdruck vorgetragen).

Zunächst führten Forderungen der Wissenschaftskritik zu diesem
Resultat. Vor allem die Notwendigkeit, der Wesenslehre der Kunst den
gesamten Kunstbereich zu eröffnen. Also auch den Bereich der
außereuropäischen, fernöstlichen und der islamischen Kunst. Dann aber
stellte sich heraus, daß die Entscheidung in dieser Frage mehr als ein
philosophisches Problem, nämlich eine hervorragende Angelegenheit
des Lebens selber ist. Es wird dabei die ganze Fragwürdigkeit jener
gegenwärtigen Ontologie sichtbar, die vom Dasein, das immer schon
sich selbst verstanden hat, ausgeht. In diesem Selbstverständnis ist das
Leben auch immer „sich selbst voraus". Dieses „sich selbst voraus"
des Lebens geht nicht in eine ungewisse Unendlichkeit, sondern findet
seine begrenzende Ganzheit im Tode. So ist Dasein Sein zum Tode,
Geworfenheit in den Tod. Und diese Auffassung des Lebens wächst
notwendig heraus aus dem Ansatz des im Selbstverständnis über sich
selbst hinausgreifenden Daseins. Wir sahen am Beispiel der Kunst,
wie diese Philosophie, weit davon entfernt, eine sichere Verbindung der
Erkenntnis mit dem Leben herzustellen, sowohl die Erkenntnis verengt,
wie das Leben im Programm und im Doktrinarismus erstickt. Gerade
die Anschauung und das Erlebnis der Kunst sollten uns wegführen von
dieser Lebensanschauung und uns neues Vertrauen zur Gestaltung eines
in sich erfüllten und sinnhaften Lebens geben, das so wie es ist sich
ganz und rückhaltslos gibt. In der Statue des griechischen Gottes haben
wir das Unterpfand für die Wirklichkeit dieses Lebens, und alle Kunst
sei uns Verheißung einer Wiederherstellung dieses göttlichen, in sich
geschlossenen und unverkürzten Lebens, von dem Gerhart Hauptmann
in seiner Novelle vom „Meerwunder" sagen konnte, seine Vollkommen-
heit sei so groß, daß vor ihm alle menschliche Gesundheit immer noch
als Krankheit erscheint.
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