Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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läßt, so kommt hier die eigentümliche Kontinuität von Goethes Lebensgang
wunderbar zum Vorschein43). Für Moritz dagegen ist die Spannung, die
zwischen der subjektivistischen Identifikation mit dem Menschen Werther
und der objektiven Interpretation des Kunstwerks Werther besteht, das
Zeugnis jenes Bruches in seiner Existenz, den der Versuch seiner Über-
windung in der Ästhetik mehr offenbart als verhüllt.

Wenn nach seiner Lehre die Welt die Schönen sich erhebt auf den Lei-
den und Opfern untergegangener Völker und ihrer Helden, so gilt das
auch für die Theorie des Schönen, die er selbst entwarf. Das Wort aus
seiner Ästhetik, daß das Individuum dulden müsse, wenn die Gattung
sich erheben solle, hat er mit dem Gehalt und Opfer seines Lebens erfüllt.

43) Vgl. E. Cassirer, Freiheit und Form, 1916, S. 281. — Die Vermutung,
daß ein Grundmotiv der Metamorphosenlehre, die Goethe ja in Rom unter
Moritzens fördernder Teilnahme niederschrieb, den Leitfaden der Interpretation
des Wertherbriefes abgegeben haben könnte, sei hier wenigstens ausgesprochen:
jener große Grundrhythmus von Systole und Diastole, der nicht bloß als Aus-
breitung und Zusammenziehung die Gestalt der Pflanze bestimmt, sondern auf
alles Lebendige übertragbar ist und schließlich und endlich auch für den Weg des
Naturbetrachters gilt (s. Leisegang, Goethes Denken; Leipzig 1932, S. 112). Die
Korrelation von Einzelnem und Ganzem, die in Deutschland seit Leibniz ein Motiv
der philosophischen, seit Brockes auch der dichterischen Naturbetrachtung ist, kennt
Moritz schon vor der Begegnung mit Goethe: „Gewöhne deinen Geist, beim Ein-
zelnen das Ganze und in dem Ganzen stets das Einzelne zu denken" (Fragmente
aus dem Tagebuch eines Geistersehers, 1787, S. 20). Allein diese Korrelation auch
als dynamischen Prozeß des Naturerlebens und der dichterischen Naturdarstellung
zu sehen, wie es hier in der Folge von Erhebung und Niedersenkung geschieht, das
kann vielleicht im Zusammenhang mit den Einsichten stehen, die Moritz im Zwie-
gespräch mit Goethe in dessen naturwissenschaftliche Arbeit gewonnen hat. Er
wäre dann in der Tat der erste, der der Aufforderung Goethes, diese Idee auch auf
andere Lebensgebiete anzuwenden, nachgekommen wäre (an die Frau von Stein,
8.6.87, Tageb. u. Briefe Goethes aus Italien, S. 311).
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