Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

Page: 187
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1936/0201
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BEMERKUNGEN

187

keinen begrifflichen Währungsstempel, mit dem man Echtheit oder Unechtheit einer
Angelegenheit der Kunst ein für allemal festlegen könnte.

Eine Ordnung nach Formeln, wie sie das Schema gibt, kann nur Bedeutung
haben, soweit sie dem Kunstbetrachter eine Richtung gibt, einen Standpunkt anweist,
von dem aus er sein Urteil versuchen kann. Er kann daraufhin vielleicht lernen, seinen
Gefühlseindruck, der doch eben bei einer Kunstbetrachtung immer zuerst eintreten
wird, nachher begrifflich zu überprüfen und sich und andern über seinen Eindruck
Rechenschaft zu geben. Im übrigen wird es ihm zwischen echter und unechter Kunst
so gehen wie einem Kinde, das zunächst nicht zwischen einem Greise und einem
maskierten Weihnachtsmanne zu unterscheiden vermag: das Gefühl, gestützt durch
lebendige Erfahrung, wird dem Kinde zu einer Klarheit verhelfen, die ihm alle guten
Gründe mütterlicher Beruhigungskunst nicht sogleich und unbedingt zu geben ver-
mögen. Und vor der Erlebniskraft des Betrachters, die gewiß durch Überlegung
geübt und sicher gemacht werden kann, wird echte Kunst sich erweisen, muß Tendenz-
„kunst" bekennen, daß sie unter einer Maske ein Scheindasein führt.
loading ...