Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BEMERKUNGEN

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(Götter II 409). Als Cellini das Spiel der jungen Kreuzottern beobachtet, läßt er
den Stock sinken, weil ihre Schönheit ihn bezaubert und er auch in ihnen Kunstwerke
Gottes sieht (260). Die Bewunderung, die „Giftschlangen und Tyrannen" ihm abzwin-
gen, bezeugt die ästhetische Freude an der Schönheit des Bösen, der „gefährlichen
Schönheit der Gorgonen, der Tiger, der Adler, der Giftschlangen und der Höllen-
fürstinnen" (345), die immer „alle himmelreine Schönheit übertrumpft". Und ebenso
beweist diesen Blick für den ästhetischen Wert des Bösen das Bild, das Giuliano zeich-
net, als er von dem schönen Roß König Pfauhahn berichtet: „Hätte einstmals am
dritten Schöpfungstage der Böse Geist sich inkarnieren wollen, er hätte wohl in dieses
Hengstes Gestalt über die leere Erde dahinschnauben können, furchtbar und herrlich,
halb Gott, halb Tier" (Giuliano 195).

Doch muß dagegengehalten werden, daß an jener Stelle Cellini seinen eigenen
Gedankengang als heidnisch zurückweist und Giuliano beneidet, weil er sich in seinem
Tun durch solche Erwägungen nicht beeinflussen läßt. Es hat fast den Anschein, als
ob eine so rein ästhetisch-relativistische Auffassung des Bösen spielerisch als Mög-
lichkeit empfunden würde, die reizt und doch als gefährlich erkannt wird. Daß der
Dichter sie im allgemeinen vermeidet, ist oben aufgezeigt worden.

Durch die ästhetische Kontemplation wird überall hier die ethische Wertung
gewissermaßen verdeckt, die Eigenschaft des Bösen als solchen durch die Wendung
in die Sphäre, die von den Kategorien „schön" und „häßlich" beherrscht wird, in den
Hintergrund gedrängt. Dagegen führt die gleiche Wendung in die ästhetische Sphäre
auf dem Gebiet der Liebe nicht nur zu einer Zurückdrängung des Bösen, sondern zu
seiner Überwindung. Wie tief die ethische Wertung — bei aller ästhetischen Ein-
stellung —■ im Wesen des Dichters verankert ist, geht daraus hervor, daß sie auf das
Gebiet der Liebe übertragen wird. Auf sie geht das Problem der Schuld der Sinnlich-
keit zurück. Problematisch wird die Berechtigung sinnlicher Liebe, ein Übermaß an
Sinnlichkeit ist böse, erscheint als Sünde, ja es geht oft so weit, daß sie das Böse
wird, mit dem der Mensch im seelischen Kampf ringen muß. Die Schuld der Sinn-
lichkeit ist eines der Hauptmotive des Dichters und es lassen sich dafür fast aus allen
seinen Werken Belege bringen: Das Hauptproblem des „Gral" ist kein religiöses,
sondern ein ethisches, und zwar ist überall das Böse, gegen das die Helden kämpfen,
die Sinnlichkeit. Gawan gelingt es nicht ganz, diesen Kampf zu bestehn, Lanval und
Lanzelot werden durch sie schuldig. Tristram empfindet seine Liebe zu Ysolt als
Sünde, und Merlin kann sein Werk nur vollenden, wenn er der sinnlichen Liebe ent-
sagt. In den „Weißen Göttern" wird das Problem nur in Nebengestalten angedeutet,
so in der Figur des Paters Aguilar oder des Namenlosen, in „Lariön" entspringt
ihm die Gestalt Nasar Jew. Bjeloborödows.

Wird die Berechtigung sinnlicher Liebe angezweifelt, so verlangt die daraus ent-
stehende Problematik nach einem Wege, auf dem sie gelöst werden könnte. Über-
windung des Triebes, der Sinnlichkeit aber liegt im ästhetischen Erleben. Als Giuliano
beim Mahl mit der Fürstin von den nackten Mädchen bewirtet wird, wird die Wir-
kung der Szene auf ihn folgendermaßen geschildert: „In einen Dämmerzustand gerät
Giuliano. Ihm ist, als träume er einen seligen Traum. Unverwirrt erlaubt er seinen
reinen Augen sich am Anblick der wundervoll schlanken Leiber zu weiden. Die Venus
Botticellis hätte er nicht wunschloser betrachten können" (Giuliano 287). Es gelingt
ihm, die Sinnlichkeit zu verwandeln in ästhetische Betrachtung. Das Gleiche tut Tho-
mas Bohlens, der junge Maler, wenn er, der „Ästhet und Schönheitsschwärmer", mit
den Freudenmädchen geht, um sie zu zeichnen, und den Körper der jungen Gwendo-
len, als er weiß leuchtend wie Elfenbein im grünen Fauteuil liegt, ohne jede Begierde
wie ein Kunstwerk betrachtet. (Blizzard 188.) Durch die ästhetische Betrachtung
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