Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

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Rötel, Kreide jedesmal andere Formen bindet und entbindet. Die Übertragung einer
Rötelzeichnung von Watteau durch den Bleistift eines Ingres liefert keine Kopie,
sondern ein völlig neues Werk (La forme, passant d'une matiere donnee ä une autre
matiere, subit une metamorphose (53)). Ich möchte hinzufügen, daß das Gesetz der
Unübertragbarkeit auch innerhalb eines gemeinhin als identisch angesehenen Stoff-
gebietes gilt, je nach der besonderen „Intention", mit der der schöpferische „Alchemist"
der prima materia zugewendet ist (vgl. meinen Aufsatz: „Werkstoff und ästhetischer
Gegenstand" in dieser Ztschr. XXIX. Bd., H. 1). Man vergleiche etwa die „Kopien"
Cezannes nach Bildern von Sebastiano del Piombo, Lancret, Greco, und man wird
verstehen, welchen wertästhetischen Sinn das so wechselreiche Ans-Licht-bringen der
„Essenzen" hat.

Zu der vocation formelle des Stoffes gesellt sich für eine materiale Wertästhetik
naturgemäß auch die „Berufung" des Werkzeugs (vocation de l'outil). Was Focillon
über den Geist des Werkzeugs sagt, verrät ein ungemein tiefes Verständnis für die
ästhetische Bedeutung der Techniken. Das Werkzeug wird, indem es sich in der Aus-
einandersetzung mit dem Stoff seine Form sucht, zu einem integrierenden Bestandteil
des künstlerischen Werkganzen. Nur aus dem höchst verwickelten Prozeß von Wir-
kung und Gegenwirkung zwischen Stoff, Werkzeug und Hand kann die Dynamik
des Zusammenspiels (l'energie de l'accord (59)) begriffen werden, die zur eigentüm-
lichen Werkstruktur (la touche) des Kunstwerkes führt, und die nur idealistische
Sorglosigkeit als ästhetisch unerheblich beiseite setzen kann. Das Mysterium zwi-
schen der vocation de l'esprit und der vocation de la matiere stellt die Ästhetik aller-
dings vor neue, unerhörte Probleme. Was hat der Geist mit dem Bathos der Hyle zu
tun? Härter, schicksalshafter denn je tritt das Problem der Kunst von dieser Sicht
aus als metaphysische Aufgabe hervor. Unbedingter verlangt diese Bodenstiftung des
Ästhetischen eine Besinnung auf das Sein des Menschen. Auch Focillon tritt an diese
Frage heran (Chap. IV. Les Formes dans Fesprit). Aber zu tief liegen die ontologi-
schen Schichten, als daß der Metaphysiker mit dem Liebhaber der schönen Künste
Schritt halten könnte. Aus der cartesianischen res cogitans wird eine res formans.
(Prendre conscience, c'est prendre forme (64)). Der Grundzug des menschlichen Be-
wußtseins ist eine activite artistique: es formt sich selbst und greift formend in die
Welt der Dinge ein. Laufen wir aber bei solchen Gedankengängen nicht Gefahr, von
neuem in den toten Raum eines abstrakten Formalismus zu geraten? Focillon sucht
diesem Verhängnis auszuweichen, indem er die „Formen" von Traumbildern, Erinne-
rungen und Ideen unterscheidet. Formen, in denen das schöpferische Individuum die
Welt erlebt, haben schon im Geiste ihre spezifische stoffliche Angelegtheit. Es sind
nicht abstrakte Ideen, zu denen ein Stoff gesucht wird, sondern sind in ihrer Taktili-
tät, Musikalität, Farbigkeit gleichsam präformiert. Ähnliche Vorstellungen von einer
Wahlverwandtschaft zwischen Stoff und Künstlerseele finden sich schon bei Goethe
und Schleiermacher. Wird aber durch die Annahme eines solchen Parallelismus der
Schleier des Geheimnisses gelüftet? Die spinozistische Formel von der identitas rerum
ac idearum wird ins Ästhetische übersetzt. (Le monde des formes dans l'esprit est
identique en son principe au monde des formes dans l'espace et la matiere (64)).
Zwischen beiden Seiten besteht nur eine „Differenz der Perspektive". Wenn die For-
men des Geistes in schöpferischer Aktivität nach außen treten, reißen sie den prädesti-
nierten Stoff an sich, beißen sich gleichsam in ihm fest (mordre la matiere (71)), um
endlich in mystischer Vermählung von der Substanz Besitz zu ergreifen. Das sind
Betrachtungen, die trotz ihrer Vorläufigkeit anzeigen, nach welcher Richtung sich
eine bodenstiftende Metaphysik der Ästhetik entwickeln muß.

Berlin. Rudolf Odebrecht.
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