Zeitschrift für christliche Archäologie und Kunst — 1.1856

Seite: III
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VORWORT.

Öeit den Zeiten der Freiheitskriege am Anfange dieses Jahrhunderts, ist die mehr
und mehr hervortretende Anerkennung der Leistungen des christlich-germanischen Mittel-
alters auf den verschiedensten Gebieten der Kunst und Wissenschaft nicht zu verkennen.
So lange die Kirche sich im ungestörten Besitze ihrer vielhundertjährigen Erwerbungen und
Schöpfungen befand; so lange das Römische Reich deutscher Nation, trotz vielfacher Stö-
rungen, noch im Wesentlichen einen gemeinsamen Organismus darstellte, war man sich der
ererbten Güter wenig bewusst, und das negirende Streben des XVIII. Jahrhunderts gewann
den Vorrang vor den nur sehr vereinzelt und schwach sich äussernden Stimmen, welche die
Erhaltung des Bestehenden wollten. Die Leiden, welche die französische Revolution, die selbst
von ähnlichen Tendenzen ausging, aber den Sieg ohne Vergleich schneller und entschei-
dender zu erringen wusste, über unser Vaterland brachte, waren der erste Anfang einer
allgemeineren Reaction. Erst nach Einbusse der Güter, welche unser Volk, seit es ein christ-
liches sich nannte, bis dahin sich erhalten halte, fühlte man den Verlust. Nicht nur schmerzte
es die Güter selbst verloren zu haben; auch die Anknüpfungspunkte zur Fortbildung der
Neuzeit fehlten, und mehr und mehr versenkte man sich in die Schachte der Vergangenheit,
um die Herrlichkeiten einer nun fast verlornen Welt anzustaunen und wieder aufzusuchen;
um sich nicht nur derselben zu erfreuen, sondern auch zu retten, was noch nicht ganz
verloren schien, und so der Zukunft die organische Verbindung mit der Vergangenheit offen

zu halten.

Auch die Monumente der Vorzeit wurden jetzt erst gewürdigt. Was vereinzelte
Stimmen kaum hörbar verkündet hatten, fing nun erst an verstanden zu werden. Bas neu-
belebte christliche wie vaterländische Bewustsein stärkte sich an den Werken der Vorzeit,
wo beide in ungestörter Harmonie zusammenwirkten, und unvergleichliche Denkmale dieser
Vereinigung hinterlassen hatten. Man begnügte sich nicht, sie zu bewundern: man wollte
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