Zeitschrift für christliche Kunst — 15.1902

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Abhandlungen.

Der Taufstein von St. Nikolaus

zu Freiburg in der Schweiz und seine

Bildwerke.

(Mit 10 Abbildungen.)

aufsteine, bei
denen das
Becken von
einem Mittel-
ständer ge-
tragen wird
und dabei
ringsum von Säulen umstellt ist, sind
in der romanischen Periode, beson-
ders in den Rheinlanden, ungemein
häufig zur Ausführung gelangt,1) in
der gothischen Periode hat sich das
Motiv dagegen nur geringer Beliebt-
heit erfreut. Wo aber dazu gegriffen
worden ist, da ist die Aufgabe dann
auch gern in reicher, wenn nicht über-
reicher Weise gelöst worden. Ein Bei-
spiel hierfür bietet der inschriftlich auf das Jahr
1453 datirteTaufstein des Strafsburger Münsters,
der in seinem Aufbau wie in seiner überfeinen
Detaillirung sich als ein in der Weise der über-
schwenglichen Spätgothik gehaltenes Steinmetz-
kunststück seines Meisters Jodocus Dotzinger
darstellt. Ein wahrhaft vornehmes und edles
Werk aber, ein Werk, an dem die Architektur
mit der Bildhauerkunst in glücklicher Weise
sich verbunden hat, besitzt die Collegiatkirche
St. Nikolaus, die Hauptpfarrkirche zu Freiburg
in der Schweiz.

Initiale aus dem dem Ende des XV. Jahrb.. an-
gehörigen, in Jahrg. I dieser Zeitschrift Sp. 17r> und
Jahrg. II, Sp. 343 besprochenen Werdener Missale.

!) Aufzählung von solchen bei Otte-Wernicke
»Handbuch der kirchlichen Kunslarchäologie« 5. Aufl.
I. Bd., (Leipzig 1883) S. 307. Ein in der Pfarrkirche
zu Geistingen a. d. Sieg befindlicher Taufstein dieser
Art ist von mir in dieser Zeitschrift, II. Jahrgang (1889)
Sp. 351 mitgetheilt worden.

Der Taufstein von St. Nikolaus ist in der

Litteratur nicht unbekannt; mehrmals ist er

besprochen und abgebildet worden. Aber die

Abbildungen sind entweder nicht zulänglich

genug, um den Taufstein in seiner eigen-

artigen Schönheit zur Geltung kommen

g^ zu lassen, oder wo eine gute Abbildung

gegeben ist, ist dies an wenig zugänglicher

Stelle geschehen. Die Bildwerke für sich

haben eine Wiedergabe überhaupt noch nicht

gefunden.2)

Die Gesammthöhe des auf einem acht-
seitigen, zweistufigen Unterbau sich erhebenden,
in den Figuren 1 und 2 zur Darstellung ge-
brachten Taufsteins beträgt 1,17 m. Er ist aus
dem blaugelblichen, bildsamen Sandsteine der
bei Freiburg belegenen Brüche3) und zwar, ab-
gesehen natürlich von den Pfosten, aus zwei
Blöcken hergestellt, deren Zusammenstofs die
Abbildungen gut erkennen lassen.

Die Grundfläche des Taufsteins bildet ein
aus zwei diagonal gegeneinander gelegten Qua-
draten geformter Stern. Wie die Fig. 1 zeigt,
erhebt sich auf breiter quadratischer Grundlage
eine ziemlich steile abgestumpfte Pyramide, die
von einer zweiten Pyramide durchschnitten
wird; ihre obere Fortsetzung besteht in einem
Mittelgliede, das ebenfalls als eine abgestumpfte,
aber weniger steile Pyramide gestaltet ist.
Von der so entstehenden starken Einschnürung
aus, in der sich die Fuge der beiden Blöcke
befindet, vollzieht sich dann der Uebergang

2) Skizzenhafte Abbildung bei Rahn »Geschichte
der bildenden Künste in der Schweiz« (Zürich 1876)
S. 421, Fig. 141. Eine gute Wiedergabe in dem
Tafelwerke »Fribourg artistique a travers les ages«
(Jahrgang 189f> Fribourg, Planche I). Der zugehörige
kurze begleitende Text ist von Max de Techtermann,
einem bewährten Kenner der Freiburger Geschichte,
geschrieben. (In kleinem Malsstab darnach die Ab-
bildung wiederholt in »Die Katholische Kirche« Berlin,
IV. Abschnitt: „Die Schweiz" S. 84).

•1) Die Molasse, das Material dieser Brüche, findet
sich in einer zweifachen Schichtung vor. Während
die eine einen Stein liefert, der im bruchfeuchten
Zustande blau erscheint, zeigt die andere eine grün-
liche Färbung. An der Luft erhalten aber beide Stein-
sorten einen Stich in's Gelbliche. Der Stein des
Taufsteins gehört der blauen Sorte an.
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