Zeitschrift für christliche Kunst — 15.1902

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1902.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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Die Bamberger Domstatuen,

s ist der Vermuthung, dafs die Sta-
tuen des Bamberger Georgenchores,
innen wie aufsen, ursprünglich für
eine grofsartige Portalanlage be-
stimmt waren, kürzlich wieder das Wort ge-
redet. Die Figuren wären danach nur aus Ver-
legenheit theils im Innern untergestellt, theils
der Adamspforte in einem späteren Jahrhun-
dert (dem XVI. ?) „unter Mifsachtung der Ar-
chitektur" angefügt!

Ihren Nährboden haben diese Anschauungen
in der wohl richtigen Beobachtung, dafs die
Statuen im Innern unvollständig erhalten, nur
der Theil eines Ganzen sind, das, wie gewisse
plastische Cyklen der Renaissance, niemals
vollendet wurde. War der Grund auch hier das
tragische Uebermaafs des Planens? war es der
Tod des Meisters? wir wissen es nicht; viel-
leicht das eine und das andere.

Was aber war geplant worden ? Es lag hier
vielleicht etwas Tragisches schon in der Situa-
tion. Eine riesenhafte Aufsendekoration, eine
Fassade war wohl das erste, was dem aus
Frankreich heimkehrenden Meister1) vorge-
schwebt hat. Aber konnte es mehr sein als
ein Künstlertraum, der zerstob vor den Ein-
wendungen der Bauverwaltung ? Der Dom
stand fertig; seine Doppelchörigkeit liefs weder
in Ost noch West eine breit sich entfaltende
Portalanlage zu. Man hätte allenfalls am Nord-
transept das Veitsportal entfernen können. Aber
hätte man die ganze Kraft auf einen abseits
gelegenen Nebeneingang werfen und zu diesem
Ende die eben fertig gewordene, hier durchaus
passende Dekoration wieder abbrechen sollen?
Bekanntlich zeigt auch im Architektonischen
kein Bau mehr als der Bamberger die Rücksicht-
nahme auf das, was man Schauseite nennen kann.
Von den vier damals vorhandenen Portalen
war das Fürstenportal erst zu einem Theile
fertig. Hätte nun die Bauverwaltung dem Ehr-
geiz des Heimgekehrten irgendwelche kost-
spieligeren Zugeständnisse machen wollen, so
würde sie es am ehesten wohl hier gethan und
gestattet haben, dafs das noch nicht zur Hälfte
gediehene Fragment beseitigt würde. Statt
dessen kam es zu einem Kompromifs. Wäh-
rend der Meister es auf statuarische Plastik

ihre Aufstellung und Deutung.

grofsen Stiles abgesehen hatte, mufste er nun
mit reliefhaften Aposteln und Propheten seinen
Anfang machen und statt der eigenen, die
Pläne der älteren Schule verwirklichen helfen,
der er zwar selbst entstammte, aber auf fran-
zösischem Boden doch entwachsen war. —
Er bringt aber schon hier seihen Eigenwillen
zur Geltung, indem er ohne Rücksicht auf Sym-
metrie zwei Rundfiguren mitten auf die Ar-
chivolten setzt, oben an die Mauer aber die
Statuen der Ecclesia und Synagoge.

Die Ausschmückung des Ostchores im In-
nern, durch die Visitatiogruppe, den reitenden
König, den h. Dionysius und den lachenden
Engel bedeutete meines Erachtens ebenfalls
nur eine Fortsetzung der hier von der älteren
Schule geschaffenen plastischen Dekoration.!
Allerdings, der Reliefschmuck der Schranken
war ja vollendet. Aber zwischen und neben
diesen traten nackte Pfeiler vor, die gerade
zur statuarischen Ausschmückung lockten.
Auch lud der Cyklus inhaltlich zur Ergänzung
ein. Es waren aufser den beiden Reihen
der Apostel und Propheten noch eine Ver-
kündigung Maria und ein h. Michael hier
angebracht, letzterer als Bamberger Lokal-
heiliger, dann als Hinweis auf das Jüngste
Gericht. Fortsetzen konnte man diesen Cyklus
also nach zwei Seiten hin: 1. durch weitere
Szenen aus dem Marienleben im Anschlufs an
die Verkündigung; 2. durch Anreihung weiterer
Bamberger Heiliger. Jenes lag hier um so
näher, als der Chor der Maria (und dem h. Georg)
zugeeignet war, wie er denn auch in den
Akten „Marienchor" genannt wird, und als
jene Szenen der Jugendgeschichte Christi seit
altchristlicher Zeit im (oder vor dem) östlichen
Chorhause mit Vorliebe angebracht worden
waren.2)

Nach beiden Richtungen aber hat ja der
jüngere Meister die Dekoration auch fortgeführt;
nur dafs er statt der unterlebensgrofsen Relief-
figuren (von ca. 1,20 m) lebensgrofse Statuen8)
und Statuengruppen gibt. Er nahm das Thema
an der Stelle auf, wo es liegen gelassen war,

>) Ueber den „Meister der Adamspforte" vergl.
»Repert. f. K. W.« XXIV, 207 ff., 224 f., 266 ff.

2) Schon in Sa. Maria Maggiore; in Deutschland
schon in der Gozbertbasilika und später häufig bis
Ramersdorf und darüber hinaus.

3) Die Elisabeth miist ca. 1,70»;; ähnliche Maafse
zeigen die Statuen am Adamsportal.
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