Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. gr. 220

Tetraevangelium cum Scholiis

Pergament · 2, 228, 1 Bll. · 24,0 × 17,5> cm · Südöstlicher Mittelmeerraum · 1. Hälfte 10. Jh.


Schlagwörter (GND)
Theologie / Byzanz / Liturgie / Evangeliar / Katenen, Neues Testament / Buchmalerei.
Diktyon-Nr.
65952.
1ar vacat
1av Schenkungsexlibris
1) Ar–Cr Anonymus, Lexicon nominum hebraicorum
Cv Nota obitus anni 1398
Dr–v vacat
Er–Fr Pinax Evangelii S. Matthaei
Fv vacat
Gr Imago S. Matthaei Evangelistae
Gv vacat
2) 1r–7r Eusebius Caesariensis, Canones Evangeliorum
7v–8r vacant
3) 8v Ps.-Esdras Propheta, De diebus faustis et nefaustis
4) 13r–60v Evangelium S. Matthaei cum commentariis in catenis
5) 61r–88r Eusebius Caesariensis, Quaestiones Evangelicae ad Stephanum
6) 88r–96r Eusebius Caesariensis, Quaestiones ad Marinum
96v–97r vacant
7) 97v–128v Evangelium S. Marci cum commentariis in catenis
129r vacat
8) 129v–182r Evangelium S. Lucae cum commentariis in catenis
183r–v vacat
9) 184r–222v Evangelium S. Iohannis cum commentariis in catenis
223r vacat

Kodikologische Beschreibung

Entstehungsort
Südöstlicher Mittelmeerraum. Möglicherweise Kilikien.
Entstehungszeit
1. Hälfte 10. Jh. Datierung aufgrund der Schrift u. der verwendeten Buchmalerei; f. Ar-Cr 13. Jh., f. Cv a. 1398; f. 8v a. 1521.
Typus (Überlieferungsform)
Codex.
Beschreibstoff
Pergament, Vorsatzbll. sowie Einlageblätter modernes Papier.
Umfang
2, 228, 1 Bll.
Format (Blattgröße)
24,0 × 17,5> cm.
Zusammensetzung (Lagenstruktur)
(I-1)1a + 11a + (I+1)C + IIG=O=12 + IVL=8 + IV13–20 + 9 IV91 + (II+1)96 + (I+1)99 + 3 IV123 + (IV+1)132 + 5 IV172 + (VI+1)185 + 4 IV217 + III223 + 1224 + (I-1)225*. Die nicht gezählten Papierblätter Fa, 1a, 2a, 3a, 5a, 6a, 98a, 129a zum Schutz der Miniaturen eingefügt. Vorderspiegel ist Gegenbl. von 1a, Hinterspiegel Gegenbl. von 225*. Die Lagenverhältnisse sind in der ersten Hälfte der Hs. gestört, was jedoch partiell durch die sekundären Foliierungen behoben werden soll. Ursprünglicher Anfang war der Quaternio von f. D=1 bis L=8 (Golgatha-Miniatur im blauen Kreis als Buchbeginn mit anschließenden Kanontafeln. Darauf folgten die f. 61 bis 96 mit den eusebianischen Evangelienquaestiones (traditionelle Paratexte zu den Evangelien). Dem kommentierten Bibeltext auf f. 13 = P mit dem Beginn der originalen Lagenzählung sind noch die Blätter G u. E bis F (Evangelistenportrait und Capitula des Mt.evangeliums) voranzustellen. Die korrekte Blattfolge wäre demnach: f. 1–8/D-L, 61–96, 12/G/O, 10/E-11/F, 13–60, 97–223. – Gelegentlich wurden die Lagen unter Verwendung von Einzelblättern zusammengefügt.
Foliierung
Vatikanische Foliierung mit Bleistift im Kopfsteg rechts (f. 1–8, 13–90, 90bis, 91–224). Außerdem bis zu zwei weitere, jedoch spätere Foliierungen zur leichteren Wiederherstellung der am Anfang gestörten Lagenverhältnisse: A, B, C, D = M = 9, E = 10, F = N = 11, G = O = 12, D = 1, E = 2, F = 3, G = 4, H = 5, I = 6, K = 7, L = 8, P = 13. Die Bezeichnung der ungez. Bll. folgt dem Digitalisat (1a, 2a; Fa, 1a, 2a, 3a, 5a, 6a, 98a, 129a; 225*).
Lagenzählung
Griechische Zählung von der Hand des Schreibers auf der ersten Rectoseite jeder Lage im Fußsteg rechts ( = f. 13r, … KAʹ = f. 218r).
Zustand
Der Codex wurde auf einem feinen, recht sorgfältig kalzinierten und geglätteten Pergament von guter Qualität geschrieben. Da die Spannbügel jedoch schon längere Zeit fehlen und der Band auch stärkerer Feuchtigkeit ausgesetzt war, kam es zu Knicken und auch Wellungen des Beschreibstoffs. Zum Schutz der Miniaturen wurden wohl in der BAV Schutzblätter aus Papier eingelegt, die bereits Säureschäden zeigen. Bes. an Anfang und Ende sowie an den Rändern durchgängig Feuchtigkeitsschäden. Deutliche Nutzungsspuren wie Wachs- und Rußflecken sowie Verwischungen der Tinte deutlich sichtbar im Bereich von Mt. und Io. Durch die starke Benutzung wurde der Buchblock partiell beschädigt.

Schriftraum
19 × 14 cm (je nach Textmenge).
Spaltenanzahl
1 Spalte (mit kleineren Außenspalten für die Scholien).
Zeilenanzahl
bis zu 29 Zeilen (Evangelientext).
Linierung
System 1, Leroy 1995, 48C1ds (ähnlich).
Schriftart
Bibeltext in nach rechts geneigter, quadratförmiger Minuskel, die dem Bereich der Kaligraphie nahesteht (Minuskelkanon bis – recht oft – auf die Buchstaben Lambda und Kappa im Wesentlichen eingehalten). Die Pinakes, die Hypotheseis zu den Kanontafeln, die Kapitelüberschriften im Text, die Kommentare und die Nummerierungen in einer späten Form der alexandrinischen Minuskel. Die ursprünglichen Scholientexte zeigen eine charakteristische Minuskelschrift des früheren 10. Jhs. Beide sind Buchschriften. Die später ergänzten Kommentare zeigen für die Entstehungszeit charakteristische Kurrentschriften (Hände a und b 11./12. Jh., Hand c 12. Jh.).
Angaben zu Schrift / Schreibern
Ein Schreiber (= Hand A) für Text und Kommentar. Außerdem drei Scholiastenhände für spätere Ergänzungen des Kommentars (Hand a auf f. 31v, 34r, 36v, 45r, 47r,63r, 125r, 127v–128v, 161r, 166r, 14r, 175r, 195r; Hand b auf f. 35r, 54v, 55r; Hand c auf f. 90bisv, 163v, 167r).
Buchgestaltung
Übliche Form mit der byzantinischen Kapiteleinteilung vor den einzelnen Evangelien. An deren Beginn kleine Pylae mit Titel in zinnoberroter konturierter Majuskel. Text einspaltig mit genügend Freiraum für die Kommentierung. Kapitelüberschriften im Kopfsteg durch Auszeichnungsmajuskel graphisch hervorgehoben. Vor der Textspalte auch Nummerierung für die Evangelienlektionen angebracht, das Buch war demnach auch als Evangelistar verwendbar. Text und Kommentar durch diakritische Zeichen verbunden. Klare Unterscheidbarkeit durch Verwendung einer Majuskelschrift für die Erläuterungen, die oft in Gefäßform oder spitz zulaufen, wenn sie eher kurz ausfallen. Eintrag der Kommentare in einem eigenen Schreibdurchgang, da dafür eine etwas hellere Tinte Verwendung fand. Kapitel- und Abschnittsinitialen nach links ausgerückt, jedoch in Textfarbe. Auf den Außenstegen auch immer wieder Signa marginalia propria, die in der Regel jedoch nicht mit den eigentlich erforderlichen Texten versehen wurden. Wegen der geringen Stärke des Pergaments blieben die Versoseiten der größeren Miniaturen unbeschriftet.
Buchschmuck
Der für die Art des Textes eher kleinformatige Codex weist eine Reihe von ganzseitigen, goldgrundigen Miniaturen auf. Die Ausführung ist aber nur von mittlerer Qualität, was zusammen mit der Formgebung wohl auf eine provinzielle Herkunft der Handschrift hinweist.
1. F. Gr farblich bereits stärker abgeblättertes Evangelistenportrait Matthäus.
2. F. 1r, das ursprüngl. Frontispiz der Hs. zeigt einen stilisierter Golgatha-Hügel. Ein goldenes Kreuz steht auf einer Goldscheibe mit Christogramm und wächst aus einer Blüte (Symbol des irdischen Lebens?) empor, auf der gleichfalls ein goldgrundiges Christogramm angebracht ist. Die Szene wird von blau-grün-roten Rankenmustern und rot-gold umrandeten Kreisen als Himmelssymbol umgeben. Oben ein goldenes Taufbecken mit blauen Tauben zu beiden Seiten. Auch das Christogramm unterhalb des Kreuzes zeigt links und rechts je eine Taube. Nach unten wird die Szene von einem blau-roten geschwungenen Federband umgeben, wodurch die gesamte Form an die konstantinische Feldstandarte erinnert.
3. Eusebianische Kanontafeln in traditioneller Art und Weise mit ganzseitigen, überwiegend blau und karminrot gestalteten Pylae, die Apsiskalotten sind unterschiedlich ausgeführt; auf f. 1v zwei überwiegend blau gestaltete Pfauen als Symbol des ewigen Lebens; auf f. 5v oberhalb des Apsisbogens zwei Tauben, auf f. 6r bis 7r jeweils zwei Wale als Taufsymbol.
4. F. 99r Evangelist Markus auf goldenem und blau umrahmtem Grund. Farben im Bereich des Gesichts, des Hintergrunds und des Schreibpults abgeblättert.
5. F. 129v Evangelist Lukas vor goldenem und blau umrahmten Hintergrund mit blauer Gewandung, er taucht den Kalamos in das Tintenfass ein. Keine Landschaft o.ä. im Hintergrund, auf dem Schreibpult liegt die übliche lange Schriftrolle (blau-grau und rot beschrieben).
6. F. 184r Evangelist Johannes wohl auf der Insel Patmos vor goldenem Himmel und blauem wogendem Hintergrund (für das Meer). In der linken Hand hält er eine Schriftrolle als Symbol der Offenbarung, mit der rechten schreibt er sein Evangelium. Fußpodest und Schreibpult (beide golden) auf blauen Kästen, rechts ein karminrotes geöffnetes Gefäß.
Außerdem kleinere goldgrundige Pylae am Beginn der Evangelien: Kreuz- und Blütenmotiven (f. 13r) für Mt., Knoten- und Flechtbänder (f. 100r) für Mk., Rautenmuster (f. 133r) für Lk. sowie Blüten- bzw. Rautenmuster (f. 186r) für Io.

Nachträge und Benutzungsspuren
Signaturenvignette der BAV auf dem Vorderspiegel. Schenkungsexlibris auf f. 2av. Capsa-Nr. C. 76, Allacci-Signatur 284, Bibliotheksstempel der BAV (auch f. 222v) und vatikan. Signaturvermerk auf f. Ar. Obituar- und wohl auch Besitzernotiz auf f. Cv: ͵ατςηʹ μην(ὶ) νοεμβρί(ῳ) ςʹ ἐκοιμήθη ὁ δούλος | τοῦ θ(εο)ῦ νικόλαος ὁ χαντηκήτης, ὥρᾳ ζʹ ἡμέρᾳ δῃ [= 6. Nov. 1468], darunter Negativabdruck der Miniatur auf f. 1r. Orthodoxer Ostergruß auf f. Dr: Χ(ρι)Σ`(ος) ἈΝΕ´ΣΤΗ ἀληθῶς ἀνέστη, darunter Blockmonogramm Πέτρος Κάκος mit den lateinischen Initialen P(ietro) C(aco) und die Signatur 21. Zum Schutz der Miniaturen wurde wohl im Rahmen der vatikanischen Bindung zwischen die betreffenden Pergamentseiten je ein Papierblatt eingeschossen. F. 8v (= Ps.-Esdra-Text) geht auf dieselbe Hand zurück, die f. Dr beschrieb und endet mit der Datierung ͵αφκαʹ (1521) μηνὸς δεκεμβρίου ᾱ, ἡμέρᾳ κυριακῇ ἐγράφησαν ὑπ᾿ ἑμοῦ πέτρου κάκου, darunter Wappenschild mit den Initialen P und C. Von derselben Hand auf f. 223v der Besitzereintrag πέτρου κάκου καὶ τῶν φίλων, ἥδε βίβλος ἐστὶ mit zwei griechischen Blockmonogramm darüber, die seinen Namen wiedergeben; unterhalb der etwas jüngere Eintrag Νικολάυ γαϊτάνου (ebenfalls mit Blockmonogramm). Oben auf f. 223v ein griechischer Rätselvers (τί τὸ οὐκ έγνω ... ετυπτον αὐτους ἂν παλιν) in kleinen Majuskeln vom Hauptschreiber. Auf f. 224r eine ganze Reihe von Federproben und Nachträgen. Oben und in der Mitte in altem venezian. Italienisch I(n) nomine del gratioso Ihsu nostro a d(ie) 24 aprilis 1541 sera nott(e) o donato lo caparo che dio lo faza benedeto infinis; sowie in der Blattmitte (schwer zu deuten) merculedie 27 aprilis 1541, (kyrie eleison), can(cellaria) [?] | se spartito hic con similio del duca Lando | minu…rico (?) mit der Signatur 21 Darüber ein kurzer Auszug aus dem Stammbaum Christi (nach Mt.) einer Hand wohl des 15. Jhs. sowie darunter ein kurzer αἰστῶρες [!] γυναίκες überschriebener Text (inc. ἄβροτον εἰμὶ καὶ λεπτὸν ...) einer Hand des 16. Jhs. Außerdem zahlreiche Federproben auf f. 223v.
Die Evangelientexte sind zum Teil mit Scholien versehen, insb. Mt. und Io., zu den unterschiedlichen Händen siehe Angaben zu Schrift / Schreibern. Zum Teil wurden im 11./12. Jh. Spiritus und Akzente mit schwarzer Tinte nachgetragen.

Einband
Roter Ledereinband der BAV aus der Zeit von Kardinalbibliothekar Francesco Saverio de Zelada und Papst Pius VI.; späterer Rücken mit goldenen Wappenstempeln von Papst Pius IX. (oben) und Kardinalbibliothekar Angelo Mai (unten), vgl. Schunke, Einbände, II, S. 909.
Provenienz
Kreta (?) / Zypern (?) / Venedig / Augsburg / Heidelberg.
Geschichte der Handschrift
Evangelienbücher gehören zu dem unabdingbaren liturgischen Grundbestand der Kirche. Der Entstehungsort dieser Hs. lässt sich jedoch aufgrund fehlender Angaben allenfalls erschließen. Mängel in der künstlerischen Qualität der Kanontafeln oder auch des schmückenden Beiwerks wie der Tauben als Symbole für den Heiligen Geist, die hier im Vergleich zu etwa zeitgleichen Evangeliaren konstantinopolitanischer Provenienz wie dem Par. gr. 74 oder dem Athous Stavron. 43 deutlich abfallen, lassen eher auf eine provinzielle Herkunft schließen. Auf einen Übertragungsfehler aus den Musterbüchern dürfte etwa zurückgehen, dass die Evangelisten Matthäus und Johannes im Palatinus nach links blicken und sich von ihren Texten abwenden – was völlig unüblich ist. Auch die Redaktion der Katene weicht vom hauptstädtischen Typus der Zeit ab, der mit der sekundären Eingangssequenz des Leon Patrikios beginnt (vgl. hier die nicht wesentlich jüngeren Codd. Vat. gr. 1915 oder Patm. 177). Bereits Kurt Weitzmann (siehe Literatur) hatte den Pal. gr. 220 aus stilistischen Gründen, insbes. mit Bezug auf die Kanontafeln, in die Nähe armenischer Evangeliare gestellt. Diese Hypothese hatten Maurizio Bonicatti, Introduzione, S. 249–252 sowie Franceso D’Aiuto, Vangeli die Popoli, S. 197, mit Hinweis auf das berühmte Etschmiadsin-Evangeliar (Cod. Erev. Matenad. 2374, a. 986) und eine davon abhängige Hss.gruppe bestätigen können. Wahrscheinlich sollte man jedoch von einem gemeinsamen Musterbuch für die künstlerische Gestaltung von Palatinus und den armenischen Hss. ausgehen, wobei die verwendete griechische Minuskel jedoch eindeutig in konstantinopolitanischer und nicht etwa Jerusalemer Tradition steht. Somit wäre eine Entstehung des Pal. gr. 220 in Kilikien oder Nordsyrien denkbar, während das erst 965 wieder byzantinisierte Zypern eher ausscheiden dürfte. Unbekannt ist auch, wie die Hs. nach Zypern oder Kreta gelangte. Auf jeden Fall gehörte die Hs. im 14. Jh. einem nicht weiter bekannten Nikolaos Chantaketes (siehe PLP 30584 auf Grundlagen dieses Eintrags), der am 6. Nov. 1468 verstarb. Der Name deutet eigentlich auf Bewohner der Stadt Chania auf Kreta hin, Aktivitäten der Familie lassen sich aber auch in Nikosia bzw. auf Zypern feststellen (siehe PLP 30582–83. und -85). Gleichwohl sollte man wohl doch Kreta den Vorzug geben, denn ein weiterer Zwischenbesitzer der Hs. war Petrus Caco, dessen Name bzw. Wappen sich auf f. 8v und 223v findet (der Familienname ist gelegentlich für Venedig und Oberitalien belegt). Dieser Pietro besaß mit dem Vat. gr. 72 auch eine philosoph. Sammelhs., die aus dem Skriptorium des Michael Apostolios stammte und im späteren 15. Jh. entstanden war (siehe Codices Vaticani Graeci rec. Iohannes Mercati et Pius Franchi de’Cavalieri, I: Codices 1–329, Rom 1923, S. 67, u. Paolo Eleuteri, I manoscritti dell’opera pseudo-Aristotelica De virtute, in: Scripta 9 [2016], S. 77), er wäre damit also für das späte 15. bzw. frühere 16. Jh. anzusetzen. Der Weiterverkauf der Hs. an ihn könnte gleichfalls über Apostoles oder sein Skriptorium erfolgt sein. Den kurzen Ps.-Esra-Text hat Niccolò Ca(u)co wohl in Venedig ergänzt, siehe dort die Codd. Marc. gr. Z 309 und Z 335 aus der 2. Hälfte des 15. Jhs. als mögliche Vorlagen. Ein weiteres Blockmonogramm auf f. 223v nennt mit Niccolò Caetani einen weiteren Zwischenbesitzer, was man wohl auf den römischen Adligen und Erzbischof bzw. Kardinal gleichen Namens (gest. 1585) wird beziehen dürfen. Aus dessen Besitz muss die Hs. an Giovanni Battista Cipelli gelangt sein, da dessen Sammlungssignet auf f. 1r eingetragen ist. Niccolò Caetani trat 1550 ein kirchliches Amt im französischen Quimper an, was möglicherweise der äußere Anlass für die Weitergabe des Palatinus gewesen sein mag. Dieser Vorbesitz wird durch das Fuggerinventar des Jahres 1555 betätigt, das die Hs. mit dem Registereintrag Euangelistæ quattuor nennt (siehe Pal. lat. 1950, f. 188v). Cipelli war im Sommer 1553 verstorben, der Verkauf der Hss. an Ulrich Fugger war auf Vermittlung Martin Gerstmanns zustande gekommen. Im Zuge der Vertreibung Fuggers aus Augsburg gelangte seine Bibliothek 1567 nach Heidelberg. Dort wurde sie an die Kurfürsten verpfändet u. 1571 in der Heiliggeistkirche aufgestellt (siehe Pal. lat. 1916, f. 537v). Nach dem Tod Ulrich Fuggers im Februar 1584 erfolgte der endgültige Übergang von Bibliothek bzw. Hs. in den Bestand der Bibliotheca Palatina. 1623 nach der Eroberung Heidelbergs Verbringung als Geschenk des bayerischen Herzogs Maximilian an Papst Gregor XV. über München nach Rom, seither im Bestand der BAV.

Faksimile
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bav_pal_gr_220
Literatur
Stevenson, Graeci, S. 116–117; Franceso D'Aiuto, Il libro dei vangeli fra Bisanzio e l’Oriente: riflessioni per l’età mediobizantina, in: Forme e modelli della tradizione manoscritta della Bibbia, a cura di Paolo Cherubini, pref. di Carlo Maria Card. Martini, introd. di Alessandro Pratesi, Città del Vaticano 2005, S. 313, 315–316; Franceso D'Aiuto/Giovanni Morello/Ambrogio M. Piazzoni (Hrsg.), I Vangeli dei Popoli. La Parola e l'immagine del Cristo nelle culture e nella storia, Città del Vaticano 2000, S. 195–199; Kurt Aland/Michael Welte/Beate Köster/Klaus Junack, Kurzgefaßte Liste der griechischen Handschriften des Neues Testaments, 2., neubearb. und erg. Aufl., Berlin/New York 1994, Nr. 150; Alessia A. Aletta, Il Taurin. B.VII.33, „wunderschön hergestellt“, in: Νέα Ῥώμη 7 (2010), S. 103 (mit Anm. 14); Maurizio Bonicatti, Per una introduzione alla cultura mediobizantina di Costantinopoli, in: Riv. dell’Ist. Nazion. d’Archeol. e Storia d’Arte, n.s., 9 (1960), 208–211, 249–252; John Granger Cook, Julian’s Contra Galilaeos and Cyril’s Contra Iulianum: Two Witnesses to the Short Ending of Mark, in: TC. A Journal of Biblical Textual Criticism 20 (2015), S. 15, 19.; Suzy Dufrenne, Problèmes des ornements de mss. byzantins. Deux études dédiées à Kurt Weitzmann. I. Trois mss. byzantins du Xe siècle à la Bibl. nationale de Madrid (Cod. 4595, 4596 et Res. 235); II. Essai d'analyse des lettrines des mss. byzantins, in: Scriptorium 41 (1987), S. 40–41 mit Anm. 26 (Datierung 1. Hälfte 10. Jh.); Axinia Džurova, Manuscrits grecs enluminés des Archives Nationales de Tirana (VIe–XIVe siècles). Études choisies. I: Texte, Sofia 2011, S. 41, 77, 83, 87, 91, 166; Axinia Džurova (avec la collaboration du Paul Canart), Le Rayonnement de Byzance. Les manuscrits grecs enluminés des Balkans (VIe–XVIIIe siècles). Catalogue d’exposition … Sofia, 22–27 août 2011, Sofia 2011, S. 77, 81, 87, 88, 91, 166; Eusèbe De Césarée, Questions évangéliques, Intr., texte crit., trad. et notes par Claudio Zamagni, Paris 2008, S. 26–32, 45–46; Follieri, Addenda et corrigenda, in: dies., Byzantina et Italograeca. Studi di Filologia e di paleografia, a cura di Augusta Acconica Longo/Lidia Perria/Andrea Lussi, Rom 1997, S. 501; Follieri, La minuscola libraria, S. 146; Elisabeth Klemm, Die Kanontafeln der armenischen Handschrift Cod. 697 im Wiener Mechitaristenkloster, in: Zeitschrift f. Kunstgeschichte 35 (1972), S. 75 u. 79; William Lamb, Conservation and Conversation, in: Derek Krueger/Robert N. Nelson (ed.), The New Testament in Byzantium, Washington, D.C., 2016, S. 283, 285, 288, 289 (zur Kurzform der NT-Catene); Matteo Martelli, Recipes Ascribed to the Scribe and Prophet Ezra in the Byzantine and Syriac Tradition, in: Lennart Lehmhaus/Matteo Martelli (Hrsg.), Collecting Recipes. Byzantine and Jewish Pharmacology in Dialogue, Berlin/Boston 2017, S. 210; Kathleen Maxwell, The Textual Affiliation of Deluxe Byzantine Gospel Books, in: Derek Krueger/Robert N. Nelson (ed.), The New Testament in Byzantium, Washington, D.C., 2016, S. 78 (die von M. vorgenommene Einordnung des Pal. gr. in die Reihe der Prachthss. ist jedoch der Sache nach unangemessen); Georgi R. Parulov, Catena Manuscripts of the New Testament. A catalogue, Piscataway, NJ, 2021, S. 98; Perria 1993, S. 79; Lidia Perria/Antonio Iacobini, Il Vangelo di Dionisio. Il codice F.V.18 di Messina, l’Athous Stavronikita 43 e la produzione libraria costantinopolitana del primo periodo macedone, in: RSBN 31 (1995), S. 123, 161; Lorenzo Perrone, Le ‘Quaestiones evangelicae’ di Eusebio di Cesarea. Alle origini di un genere letterario, in: Anglo-Saxon England 6 (1989), S. 418; Joseph Reuss, Matthäus-, Markus- und Johannes-Katenen nach den handschriftlichen Quellen untersucht, Münster 1941, S. 4, 31–41, 61, 75, 141–142, 160–162; Stefan Mattheus Royé, An Assessment of Byzantine Codex and atalogue Research : Towards the Construction of a New Series of Catalogues of Byzantine Manuscripts, in: Sacris erudiri 47 (2008), S. 112; Louis Thomas, Les collections anonymes des Scolies grecques aux Evangiles, I, Rom 1912, S. 466–470; Kurt Weitzmann, Die byzantinische Buchmalerei des IX. und X. Jahrhunderts, I, Berlin 1935, S. 44, 62–63; II: Addenda und Appendix, hrsg. v. Otto Kresten, Wien 1996, S. 19, 45, 57, 60; Hutter 2000.
Verzeichnis der im Katalogisierungsprojekt abgekürzt zitierten Literatur

Inhalt

1) Ar–Cr Digitalisat

Verfasser
Anonymus.
Titel
Lexicon nominum hebraicorum in Evangelio s. Matthaei (= Zusatz).
Titel (Vorlage)
Ar Ἑρμηνίαι [!] λέξεων ἑβραϊκῶν τῶν ἐν τῷ κατὰ ματθαῖον εὐαγγελίῳ.
Incipit
Ar ἀμανιναδάβ. λαοῦ μου ἐκουσίου λαός …
Explicit
Cr … σιλωάμ. ἀπεσταλμένος.
Schrift / Schreiber
Zusatz von der Hand eines Schreibers aus der zweiten Hälfte des 14. Jhs., Verwendung einer individuellen, jedoch an den Buchschriften orientierten Gebrauchsschrift.
Textgestaltung
Gebräuchliche Gegenüberstellung des jeweiligen Namens und der dazugehörigen Erklärung nach dem Vorbild des Onomasticons von Eusebius Caesariensis.
Edition
Louis Thomas, Les collections anonymes des Scolies grecques aux Evangiles, I, Rom 1912, S. 466–470 (Übernahme aus dieser Hs.).

2) 1r–7r Digitalisat

Verfasser
Eusebius Caesariensis (GND-Nr.: 118531425).
Titel
Canones Evangeliorum.
Angaben zum Text
3465.2. - F. 1r–3r Hypothesis; f. 3v–7r Tabulae Evangeliorum.
Edition
Novum Testamentum Graece, begr. v. Eberhard u. Erwin Nestle. Hrsg. v. Barbara u. Kurt Aland/Johannes Karavidopoulos/Carlo M. Martini/Bruce M. Metzger, 28. rev. Aufl. hrsg. v. Institut f. Neutestamentliche Textforschung Münster/Westfalen unter d. Leitung v. Holger Strutwolf, Stuttgart 2012, S. 90*–94*.

3) 8v Digitalisat

Verfasser
Ps.-Esdras Propheta.
Titel
De diebus faustis et nefaustis.
Titel (Vorlage)
8v Ἔσδρα τοῦ ἱερέως καὶ προφήτης περὶ τῶν ἡμέρων τῶν πεφωτισμένων καὶ ἀφωτίστων.
Incipit
8v Αὔται εἰσὶν αἱ ἡμέραι …
Explicit
8v … ἃ δεῖ παρατηρεῖν. τέλος.
Schrift / Schreiber
Es handelt sich um einen Nachtrag des nicht eindeutig identifizierbaren Petrus Ca(u)cus aus dem Jahr 1521 mit nicht ganz sicherer Hand, die Majuskeln zeigen jedoch Elemente eines weit älteren Prototypons.
Edition
Louis Thomas, Les collections anonymes des Scolies grecques aux Evangiles, I, Rom 1912, S. 470–471 (nach dieser Hs.).

4) 13r–60v Digitalisat

Verfasser
Matthaeus Evangelista (GND-Nr.: 118578979).
Titel
Evangelium secundum Matthaeum cum commentariis in catenis.
TLG-Nummer
0031.001.
Angaben zum Text
CPG 110.3 (nur die Catena). - F. 10r–11r = Er–Fr Capitula in ordine Byzantinorum, f. 11v = Fv vacat. F. 12r = Gr S. Matthaei imago depicta.
Titel (Vorlage)
13r Εὐαγγέλιον κατ(ὰ) Ματθαῖον.
Incipit
13r Εὐαγγέλιον καλεῖται ἡ βίβλος ὅτι κολάσεως … (Kommentar).
Nachträge und Rezeptionsspuren
Das dazugehörige Evangelistenportrait u. der Pinax heute auf f. G, E–F.
Edition
The New Testament in the Original Greek. Byzantine Textform (2018). Compiled and arranged by Maurice A. Robinson/William G. Pierpont, Nürnberg 2018, S. 3–81. Die Kommentare entsprechen nach Reuss, Katenen, S. 31–41 dem auf Iohannes Chrysostomus zurückgehenden Typ A in einer gekürzten Fassung, ed. von Angelo Mai nach dieser Hs. in Migne PG 106, Sp. 1077A1–1173A4.

5) 61r–88r Digitalisat

Verfasser
Eusebius Caesariensis (GND-Nr.: 118531425).
Titel
Quaestiones Evangelicae ad Stephanum.
TLG-Nummer
2018.028.
Angaben zum Text
CPG 3470.
Titel (Vorlage)
61r Ἐκλογὴ ἐν συντόμῳ ἐκ τῶν συντεθέντων ὑπὸ εὐσεβίου πρὸς στέφανον περὶ τῶν ἐν τοῖς εὐαγγελίοις ζητημάτων καὶ λύσεων.
Incipit
61r Διὰ τί τὸν ἰωσὴφ ἄλλου …
Explicit
88r … δείγματα διαθέσθως ἀνακείσθω.
Nachträge und Rezeptionsspuren
Folgetext schließt ohne Seitenwechsel an.
Edition
Migne PG 22, Sp. 880A1–936C10 (Zählung weicht ab; Übernahme der Ed. von Angelo Mai); Eusèbe De Césarée, Questions évangéliques, Intr., texte crit., trad. et notes par Claudio Zamagni, Paris 2008, S. 80–192 (vorläufige Ed., Hs. ist ältester erhaltener Zeuge für diesen Text).

6) 88r–96r Digitalisat

Verfasser
Eusebius Caesariensis (GND-Nr.: 118531425).
Titel
Quaestiones Evangelicae ad Marinum.
TLG-Nummer
2018.029.
Angaben zum Text
F. 88r Prologus; f. 88r–89r Quaestio I; f. 89r–92r Quaestio II; f. 92r–94r Quaestio III; f. 94r–96r Quaestio IV.
Titel (Vorlage)
88r Εὐσεβίου πρὸς μαρῖνον.
Incipit
88r Τῶν ἐν τοῖς θεοπνεύστοις εὐαγγελίοις …
Explicit
96r … τὸ πρᾶγμα ἐνονίσθη ἄν.
Edition
Migne PG 22, Sp. 937A1–957Α12; Eusèbe De Césarée, Questions évangéliques, Intr., texte crit., trad. et notes par Claudio Zamagni, Paris 2008, S. 194–230 (vorläufige Ed., Hs. ist ältester erhaltener Zeuge für diesen Text).

7) 97v–128v Digitalisat

Verfasser
Marcus Evangelista (GND-Nr.: 118578030).
Titel
Evangelium secundum Marcum cum commentariis in catenis.
TLG-Nummer
0031.002.
Angaben zum Text
CPG C 126.1 (nur die Catena). - F. 97v–98r Capitula in ordine Byzantinorum; f. 98v vacat; f. 99r S. Marci imago depicta; f. 99v vacat.
Titel (Vorlage)
100r Εὐαγγέλιον κατὰ Μαάρκον.
Incipit
114v Ὅτι ἐρωτᾷ πόσον χρόνον … (Kommentar).
Edition
The New Testament in the Original Greek. Byzantine Textform (2018). Compiled and arranged by Maurice A. Robinson/William G. Pierpont, Nürnberg 2018, S. 82–136. Die Kommentare entsprechen nach Reuss, Katenen, S. 31–41 dem auf Iohannes Chrysostomus zurückgehenden Typ A in einer gekürzten Fassung, ed. von Angelo Mai nach dieser Hs. in Migne PG 106, Sp. 1077B1–1177C8.

8) 129v–182r Digitalisat

Verfasser
Lucas Evangelista (GND-Nr.: ).
Titel
Evangelium secundum Lucam cum commentariis in catenis.
TLG-Nummer
0031.003.
Angaben zum Text
CPG C 132 (nur die Catena). - F. 129v S. Lucae imago depicta; f. 130r–131r Capitula in ordine Byzantinorum, f. 131v–132v vacant.
Titel (Vorlage)
133r Εὐαγγέλιον κατὰ Λουκᾶν.
Incipit
133r Ἐπειδὴ πολλοὶ ἐπεχείρησαν ἀντάξασθαι … (Kommentar).
Edition
The New Testament in the Original Greek. Byzantine Textform (2018). Compiled and arranged by Maurice A. Robinson/William G. Pierpont, Nürnberg 2018, S. 137–223. Die Kommentare entsprechen nach Reuss, Katenen, S. 31–41) dem auf Iohannes Chrysostomus zurückgehenden Typ A in einer gekürzten Fassung, ed. von Angelo Mai nach dieser Hs. in Migne PG 106, Sp. 1077D1–1217B9.

9) 184r–222v Digitalisat

Verfasser
Iohannes Evangelista (GND-Nr.: ).
Titel
Evanglium S. Iohannis cum commentariis in catenis.
TLG-Nummer
2018.029.
Angaben zum Text
CPG 140.3 (nur die Catena). - F. 184r S. Iohannis ev. imago depicta; f. 184v vacat; f. 185r Capitula in ordine Byzantinorum; f. 185v vacat.
Titel (Vorlage)
186r Εὐαγγέλιον κατ(ὰ) Ἰωάννην.
Incipit
186r Διατί ἀπὸ θεολογίας ἤρξατο … (Kommentar).
Edition
The New Testament in the Original Greek. Byzantine Textform (2018). Compiled and arranged by Maurice A. Robinson/William G. Pierpont, Nürnberg 2018, S. 224–287. Die Kommentare entsprechen nach Reuss, Katenen, S. 31–41 dem auf Iohannes Chrysostomus zurückgehenden Typ A in einer gekürzten Fassung, ed. von Angelo Mai nach dieser Hs. in Migne PG 106, Sp. 1217C1–1289D15.


Bearbeitet von
Dr. Lars Martin Hoffmann, Universitätsbibliothek Heidelberg, 2022.


Zitierempfehlung:


Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. gr. 220. Beschreibung von: Dr. Lars Martin Hoffmann (Universitätsbibliothek Heidelberg), 2020.


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Gefördert durch
The Polonsky Foundation Greek Manuscripts Project: a Collaboration between the Universities of Cambridge and Heidelberg – Das Polonsky-Stiftungsprojekt zur Erschließung griechischer Handschriften: Ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Cambridge und Heidelberg.