Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. graec. 415

Sammelhandschrift

Papier · 11, 92, 2 Bll. · 19,5 × 15 cm · Süddeutscher Raum (?) / Oberitalien (?) · Mitte 16. Jh.


Schlagwörter (GND)
Gaudentius / Harmonik / Michael, Psellos / Alchemie / Seekrieg.
Diktyon-Nr.
32480.
1*v–2*v vacant
3*r Index Latinus
3*v–11*v vacant
1) 1r–34v Gaudentius Philosophus, Harmonica introductio
2) 35r–48r Michael Psellos, Epistula de aurificina
48v–50v vacant
3) 51r–v Anonymus, Versus in Basilii Patricii Naumachicam
4) 52r–66r Basilius Patricius, Naumachica
5) 66v–68r Leo VI., Imperator, Tactica (Paraphrasis)
69r–92v vacant

Kodikologische Beschreibung

Entstehungsort
Süddeutscher Raum (?) / Oberitalien (?). Teil I: Süddeutscher Raum (?), Teil II: Oberitalien (?), aufgrund der zahlreichen u. häufig wechselnden Aufenthaltsorte des Andreas Darmarios zwischen 1560 u. 1587 in ganz Westeuropa (im einzelnen siehe RGK I, Nr. 13 auf Grundlage von Otto Kresten, Der Schreiber Andreas Darmarios. Eine kodikologisch-paläographische Skizze, Diss. Wien 1967) fällt eine Lokalisierung der Hs. nicht leicht. Hilfreich könnten die Wasserzeichen sein, die mit allem Vorbehalt für Teil I auf den süddeutschen Raum und für Teil II auf Oberitalien hinweisen. Sollte Teil II dort geschrieben worden sein, müsste man von einer Zusendung der drei Bögen aus dem Atelier des Darmarios an den unbekannten Empfänger ausgehen. Zusammengefügt wurden beide Teile erst Anfang des 17. Jhs. in Heidelberg.
Entstehungszeit
Mitte 16. Jh. Datierung aufgrund der Schreiberzuweisung.
Typus (Überlieferungsform)
Codex.
Beschreibstoff
Westliches Papier.
Umfang
11, 92, 2 Bll.
Format (Blattgröße)
19,5 × 15 cm.
Zusammensetzung (Lagenstruktur)
Die Handschrift besteht aus zwei Teilen, die zu einem unbekannten Zeitpunkt zusammengefügt wurden. Teil I = f. 1–50; Teil II = f. 51–70. (V-1)9* + II2 + 2 VI26 + IV34 + VI46 + II50 + 2 IV66 + II70 +VI82 + V92 + V92 + (I-1)94*. Die Leerseiten f. 71–92 wurden .
Foliierung
Wohl vatikanische Foliierung mit schwarzer Tinte (f. 1–83, f. 84–92 ungezählt) im Kopfsteg rechts. Die Vorsatzblätter f. 1*–11* mit Bleistift in Heidelberg gezählt (außerdem f. 71, 83, 92, 93*, 94*). Die Bezeichnung der ungez. Bll. folgt dem Digitalisat (1*, 2*, 3*, 4*, 5*, 6*, 7*, 8*, 9*, 10*, 11*, 94*).
Lagenzählung
Griechische Lagenzählung von der Hand des Schreibers in der Mitte des Fußstegs auf jeder ersten Rectoseite einer Lage. Außerdem Wortreklamanten im Fußsteg am Ende der Lagen, die für Teil I auch in der entsprechenden Farbe gesetzt wurden. Die Zählung ist aufgrund von Bindebeschnitt nur partiell erhalten. Teil II wurde aber eigens gezählt, da auf f. 67r noch klar die griechische Zahl Γʹ (= 3) erkennbar ist.
Zustand
Hs. in sehr gutem Zustand, kaum benutzt. An den Rändern etwas stockfleckig. Papier von eher schlechter Qualität, daher stark durchscheinend. Unterschiedliches Papier für die beiden Teile der Hs., die leeren Vorsatzbll. aus stärkerem Heidelberger Papier.
Wasserzeichen
Die Wasserzeichen befinden sich heute alle geteilt im Falz, können aber zumeist doch zugeordnet werden. In Teil I zwei unterschiedliche Wasserzeichen, von denen nur das zweite rekonstruierbar ist: Wappenschild mit Mond und Sternen, auslaufend in eine Sichel, s. f. 19+22 u. 20+21, sehr ähnlich zu WZIS AT3800-PO-122216 bzw. -122218, belegt für Salzburg 1570 bzw. 1572. Teil II, siehe etwa f. 62+63 u. 61+64, Beizeichen auf f. 59 u. 60, stehender Engel mit Nimbus im Kreis, darüber dreiblättrige Blüte mit Beizeichen FO, identisch mit Cod. Mon. graec. 301 (Ende 16. Jh.), siehe WZIS DE5580-Codgraec301_III der gleichfalls von Darmarios geschrieben wurde; vgl. auch Briquet Nr. 642 (jedoch ohne Blume; belegt Salo 1591) od. Briquet Nr. 664 (ohne Beizeichen; belegt Cremona 1590), aber Zusammenhang mit der vorliegenden Hs. unsicher.
Die Wasserzeichen der Hs. sind in heidICON erschlossen (Wasserzeichen Cod. Pal. graec. 415).

Schriftraum
13,5 × 9 cm.
Spaltenanzahl
1 Spalte.
Zeilenanzahl
13 Zeilen.
Schriftart
Eher flüchtige Kopistenschrift der Entstehungszeit. Werkinitialen in Auszeichnungsschrift.
Angaben zu Schrift / Schreibern
Andreas Darmarios (aufgrund von Schriftvergleich, siehe etwa den vom Schreiber subskribierten BAV, Pal. gr. 408, f. 231v, auch Elia 2014, S. 42; vgl. weiter den in Seitenaufbau u. -gestaltung ganz ähnlichen Cod. Pal. gr. 414, der wie auch die hier behandelte Hs. aus dem Besitz des Giulio Pace de Beriga stammte).
Buchgestaltung
Text einspaltig, aber großzügig und mit breitem Zeilenabstand unter Wahrung des goldenen Schnitts auf den Seiten platziert. Text durch farbliche Absetzung von Überschriften und Initialen gut erkennbar strukturiert. Initialen nach links ausgerückt, zwischen den Texten einfache Trennlinien mit einfachen Mustern. Teil I wurde mit einer eher wässrig schwarzbraunen Tinte geschrieben, Teil II mit schwarzer Tinte. Zitate durch einfache Anführung gekennzeichnet.
Buchschmuck
Wie die meisten anderen sog. Humanistencodices besitzt auch diese Hs. kaum Buchschmuck. Über den Einzeltexten schlichte Flechtbänder, am Ende roter Schlussvermerk. Die Werkinitialen in einer Höhe von bis zu drei Zeilen mit etwas Fleuronné versehen. Rote Zwischentitel, außerdem auf den Außenstegen rote Buch- bzw. Paragraphenzählung.

Nachträge und Benutzungsspuren
Lateinischer Index von Friedrich Sylburg auf f. 3*r (Paginierung im 18./19. Jh. ergänzt). Bibliotheksstempel der UB Heidelberg (f. 1r) u. der BN Paris (f. 1r, 68r). Signatureintrag auf f. 94*r.

Einband
Roter Ledereinband der BAV aus der Zeit von Kardinalbibliothekar Francesco Saverio de Zelada und Papst Innozenz X. Auf dem Rücken goldene Wappenstempel von Papst (oben) und Kardinalbibliothekar (unten; durch Signatur überklebt).
Provenienz
Padua (?) / Heidelberg / Rom / Paris.
Geschichte der Handschrift
Nach einem autographen Zeugnis Friedrich Sylburgs im Manuskript seines erst 1702 von Ludwig Mieg veröffentlichten griechischen Handschriftenkatalogs stammt der Codex aus dem Besitz des italienischen Juristen und Humanisten Giulio Pace de Beriga (siehe Pal. lat. 429bis, f. 260r). Pace de Beriga hatte in Padua studiert, musste Italien aber verlassen, da er in den frühen 1570er Jahren Calvinist geworden war. Von 1585 bis 1594 hatte er die Rechtsprofessur in Heidelberg inne, wo er zum 31. Oktober 1591 seine griechischen Hss. an Sylburg bzw. die Universitätsbibliothek verkaufte. In der Vertragsabschrift wird explizit aber nur Teil I dieser Hs. (= 48 ff.) genannt, die nicht unmittelbar Bestandteil des Verkaufs war. Jedoch wurde sie von Pace de Beriga für einen Gulden u. sechs Batzen zusätzlich an Sylburg ausgehändigt. In dem bereits genannten Vertrag wird diese Hs. als Nr. 440 gezählt. Dabei handelt es sich jedoch um einen handschriftlichen Nachtrag von Jan Gruter (nach 1602). Unter Gruter und nicht etwa erst in der BAV wurden auch die beiden Teile zusammengefügt, da er in seiner Aufnahme der Hs. im Pal. lat. 429bis, f. 256r bereits alle auch heute vorzufindenden Werke auflistet. Dabei wurden auch die Leerseiten (mit Resten neuzeitl. Heidelberger Wasserzeichen) am Anfang u. am Ende hinzugefügt. Wie Pace de Beriga in Besitz des ersten Teils gelangte, ist nicht bekannt. Die vorhandenen Wasserzeichen (vor 1570, s. dort) deuten auf eine Entstehung im süddeutschen Raum hin, was sich mit den unterschiedlichen Aufenthalten des Schreibers Darmarios im nördlichen Europa gut in Übereinstimmung bringen ließe. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass Salzburger Papier in Norditalien Verwendung fand und Pace das Gaudentiusmanuskript für seine philosophischen Studien noch vor seinem Weggang nach Genf in Padua erwarb.
Teil II der Hs. ist den Wasserzeichen zufolge erst in den späteren 1580er Jahre entstanden. Darmarios selbst hielt sich 1584 in Augsburg, Tübingen u. Straßburg auf, was aber für die erhaltenen Wasserzeichen zu früh sein dürfte. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine Bestellung, die im weiteren Verlauf nach Heidelberg geschickt wurde. In dem bereits o.g. Verzeichnis von Jan Gruter wird dieser zweite Teil jedoch erstmals historisch bezeugt, d.h. über dem Erwerb und die sieben Jahre zwischen 1584 u. 1591 sind keine genauen Aussagen möglich. Sollte das Papier jedoch tatsächlich erst um 1590 hergestellt worden sein, wären dies aber die spätesten, auf Darmarios zurückgehenden Seiten. Denn seine Handschriften sind nur bis 1587 datiert.
Im Rahmen der Eroberung Heidelbergs durch katholische Truppen gelangte auch diese Hs. 1622/23 als Geschenk des bayerischen Herzogs Maximilians an Papst Gregor XV. über München nach Rom, dort erfolgte auch die Neusignierung als Pal. graec. 415. Nach der Eroberung Roms durch die napoleonischen Truppen gelangten u.a. auch 26 Palatini Graeci nach Paris (siehe die Bibliotheksstempel der BN). Im Rahmen der Neuordnung Europas während des Wiener Kongresses 1815 wurde die Rückgabe nach Heidelberg vereinbart, seither im Bestand der UB Heidelberg.

Faksimile
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpgraec415
Literatur
Stevenson, Graeci, S. 269–270; Catalogue des manuscrits alcimiques grecs. VI: Michel Psellus, Épitre sur la Chrysopée. Opuscles et extraits sur la alchimie, la métrologie et la démonologie, publ. par Joseph Bidez, Brüssel 1928, S. 7–8; Alphonse Dain, Inventaire raisonné des cent manuscrits des Constitutions tactiques de Léon VI le Sage, in: Scriptorium 1 (1946–47), S. 47; Elia 2014, S. 42 Anm. 88; Lehmann, Fuggerbibliotheken, I, S. 209.
Verzeichnis der im Katalogisierungsprojekt abgekürzt zitierten Literatur

Inhalt

1) 1r–34v Digitalisat

Verfasser
Gaudentius Philosophus (GND-Nr.: 10099380X).
Titel
Harmonica introductio.
TLG-Nummer
2137.001.
Angaben zum Text
F. 1r–2r Pinax Graecus; f. 3r–v Protheoria; f. 4r–5v Περὶ τοῦ τῆς φωνῆς τόπου; f. 5v–6r Περὶ φθόγγου; f. 6r–v Περὶ διαστάματος; f. 7r–v Περὶ συστημάτων; f. 7v–9r Περὶ τῶν γενῶν; f. 9r–11v Διάγραμμα τῶν τριῶν γενῶν ἐν ἑνὶ τετραχόρδῳ; f. 11v–34v Περὶ διαφόρων συζεύξεων τῶν τῆς ἁρμονικῆς λόγων.
Titel (Vorlage)
1r Γαυδεντίου φιλοσόφου ἁρμονικὴ εἰσαγωγή.
Textgestaltung
Die Zwischentitel wurden nur bis f. 11v ausgeführt.
Nachträge und Rezeptionsspuren
Oberhalb des Textes auf f. 1r im Sinne einer Widmung von Darmarios ἀγαθῇ τυχῇ eingetragen. Auf den Rändern einzelne Textnachträge von der Hand des Schreibers.
Edition
Luisa Zanoncelli, La Manualistica musicale Greca, Mailand 1990, S. 327–350.

2) 35r–48r Digitalisat

Verfasser
Michael Psellos (GND-Nr.: 118733605).
Titel
Epistula de aurificina.
Titel (Vorlage)
35r Τοῦ λογιωτάτου καὶ πανσόφου ὑπερτίμου μιχαήλου τοῦ ψελλοῦ περὶ χρυσοποιίας, πρὸς τὸν πατριάρχην Κωνσταντινουπόλεως μιχαὴλ.
Incipit
35r Ὁρᾶς ὁ ἐμὸς δυνάστης, ὅ …
Explicit
48r … ὅπερ ἀντὶ πάντων αὐτῷ πλέον ἀγάπησον +. τέλος τὸ, περὶ χρυσοποι<ί>ας ψελλοῦ +.
Nachträge und Rezeptionsspuren
Signa marginalia propria wohl aus der Textvorlage übernommen.
Edition
Joseph Bidez, Épître sur la chrysopée, in: Catalogue des manuscrits alchimiques grecs, publié sous la direction de Joseph Bidez, … , vol. VI, Brüssel 1928, S. 26–42 (diese Hs. Sigle H; aus der Textkonstitution ausgeschieden).

3) 51r–v Digitalisat

Verfasser
Anonymus.
Titel
Versus in Basilii Patricii Naumachicam.
TLG-Nummer
7052.004.
Titel (Vorlage)
51r Ναυμαχικὰ συνταχθέντα παρὰ βασιλείου πατρικίου καὶ παρακοιμομένου: στοίχοι.
Incipit
51r Αὐσονίων σοφίης δεδιδαγμένος …
Explicit
51v … ὀλέσις καρχηδονίων μεγαθύμων.
Nachträge und Rezeptionsspuren
Auf den Rändern einige Notizen von Jan Gruter, s. bes f. 51r. Hinweis auf einen Paralleltext gleichfalls von Darmarios Ab hac eadem manu habui exemplar aliud a Pistorio nulla littera auctius, nisi quod plura essentin Naumachiciis Leonis. Offenbar gab es in Heidelberg eine weitere Abschrift der Naumachica, die vorher der Humanist Johann Pistorius d. Jüngere besessen hatte.
Edition
Epigrammatum Anthologia Palatina, cum Planudeis et appendice nova epigrammatum veterum ex libris et marmoribus ductorum, annotatione inedita Boissonadii … et apparatu critico instruxit E(dmond) Cougny. Graece et Latine, Vol. III, caput IV, Nr. 76: Epigrammata exhortatoria et supplicatoria, Paris 1890 (= S. 412).

4) 52r–66r Digitalisat

Verfasser
Anonymus.
Titel
Naumachica a Basilio Patricio mandata.
Angaben zum Text
F. 52r–55v Prooimium; f. 56r–v Paragraph 1; f. 57r–61r Paragraph 2; f. 61r–62r Paragraph 3; f. 62r–63r Paragraph 4; f. 63r–64r Paragraph 5; f. 64r–v Paragraph 6; f. 64v–66r Paragraph 7.
Titel (Vorlage)
52r βασιλείου πατρικίου καὶ παρακοιμομένου ναυμαχικὰ.
Incipit
52r Εἴπερ καὶ ἀλλότι τῷ βίῳ …
Explicit
66r … ἐπὶ τὰ εἴδη τῶν παρατάξεων.
Edition
Naumachica partim adhuc inedita in unum nunc primum congessit et indice auxit Alphonse Dain, Paris 1943, S. 57–68.

5) 66v–68r Digitalisat

Verfasser
Leo VI., Imperator (GND-Nr.: 118901486).
Titel
Tactica (Paraphrasis).
Titel (Vorlage)
66v Ἐκ τοῦ κυροῦ λέοντος τοῦ βασιλέως ναυμαχικά.
Incipit
66v Ἱστορήσω σοι ἔτι καὶ …
Explicit
68r … ὅταν ὑπὸ χειμῶνος ταλαιπωρηθῶσιν.
Edition
The Tactica of Leo VI. Text, translation, and commentary by George Dennis, Washington, D.C. 2010, Const. XX, 1007–1013, 1038–1043, 1161–1166, Epil. 173–177, 194–195.


Bearbeitet von
Dr. Lars Martin Hoffmann, Universitätsbibliothek Heidelberg, 2020.


Zitierempfehlung:


Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. graec. 415. Beschreibung von: Dr. Lars Martin Hoffmann (Universitätsbibliothek Heidelberg), 2020.


Katalogisierungsrichtlinien
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Gefördert durch
The Polonsky Foundation Greek Manuscripts Project: a Collaboration between the Universities of Cambridge and Heidelberg – Das Polonsky-Stiftungsprojekt zur Erschließung griechischer Handschriften: Ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Cambridge und Heidelberg.