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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Cod. Pal. germ. 403: Heinrich von Veldeke 'Eneas'

Autor und Werk

Das Bild Heinrich von Veldekes in der Manesseschen Liederhandschrift (fol. 30r). Heinrich von Veldeke (um 1145-1210) stammte aus der Grafschaft Limburg in den Niederlanden. Seine Familie gehörte zu den Ministerialen der Grafen von Loon. Heinrich war also ritterlicher Herkunft, sprach sehr wahrscheinlich französisch und dürfte die Werke antiker Autoren bereits in der Schule kennengelernt haben. Schon seine Zeitgenossen rühmten seine Dichtkunst und Wolfram von Eschenbach bedauerte seinen frühen Tod.

Der Eneas-Roman gilt als sein Hauptwerk. Sie geht auf Vergils "Aeneis" bzw. den französischen "Roman d’ Éneas" (um 1160) zurück. Entstanden ist sie wohl zwischen 1170 und 1190. Heinrich selbst begründete diese lange Entstehungszeit des Romans damit, daß ihm das unfertige Werk um 1174 bei der Hochzeit der Gräfin von Cleve mit dem Landgrafen Ludwig III. von Thüringen gestohlen wurde. Angeblich erhielt er es erst neun Jahre später zurück. Nachdem er den Roman vollendet hatte, widmete er ihn dem Landgrafen Hermann von Thüringen und dessen Bruder Friedrich.

Das Manuskript

Die Belagerung Trojas (fol. 3v).Der Cod. Pal. germ. 403 ist eine der jüngsten Handschriften des Werks. Er wurde laut Eintrag auf fol. 255r am 11. Oktober 1419 vom Schreiber Hans Coler vermutlich in Straßburg vollendet. Übrigens ist dies die einzige Handschrift, in der das Werk beim Namen genannt wird: Auf fol. 3v hat ein Bibliothekar im 16. Jahrhundert am oberen Seitenrand den Titel "Eneaß" vermerkt, der noch schwach lesbar ist.

Die Flucht des Aeneas (fol. 4r).Dem Cod. Pal. germ. 403 lag eine unvollständige Textvorlage zu Grunde. Beginn und Schluß fehlten. Hans Coler setzte deshalb an den Anfang ein Gebet mit der Bitte um die Hilfe Christi und reimte sich den Schluß, den er offensichtlich kannte, im wahrsten Sinne des Wortes selbst zusammen. Ein Zeichner fügte schließlich noch 38 kolorierte Federzeichnungen hinzu. Dabei war er sich durchaus bewußt, daß er im Grunde eine antike, vorchristliche Geschichte zu illustrieren hatte: Vielen seiner Figuren malte er Judenhüte auf den Kopf und charakterisierte sie so als Heiden.

Die Geschichte und ihre Bilder

Die Höllenfahrt des Aeneas (fol. 62r). Erzählt wird die Geschichte des antiken Helden Aeneas, seine Flucht aus dem zerstörten Troja, die ihn über Karthago nach Italien führt, und seine Gründung der Stadt Rom. Aber die klassische Vorlage wird von Heinrich stark verändert. Die Irrfahrten des Aeneas etwa läßt er vollkommen wegfallen. Die Liebesgeschichte um Dido und den Titelhelden macht Heinrich zur Einleitung und aus dem Gang des Aeneas in die Unterwelt wird, wie die Illustration des Cod. Pal. germ. 403 anschaulich zeigt, eine Höllenfahrt.

Dido rauft sich im Liebesverlangen die Haare (fol. 32v).Die Heldentaten des Aeneas treten insgesamt in den Hintergrund. Wichtig werden die Liebesgeschichten. Sie bilden die Basis zu beinahe endlosen Monologen über das Wesen der "Minne". Dabei werden auch die negativen Eigenschaften und Auswirkungen der Liebe dargestellt. Anlaß hierzu bietet par excellence die Geschichte von Dido, die, von Eneas verlassen, schließlich Selbstmord begeht. Für die Königin von Karthago, wird ihre Liebe zum trojanischen Helden regelrecht zu einer Krankheit, zu einer "Sucht" wie es Bild und Überschrift auf fol. 32v schildern.

Aenenas macht Lavinia den Hof (fol 205v).Aber erst bei Lavine findet Eneas die wahre, erfüllte Liebe, die mit seiner Bestimmung in Einklang steht. Die Geschichte von der Gründung Roms wird auf diese Weise in einen höfischen Minneroman umgewandelt.

Der Illustrator konzentriert sich bei der Umsetzung der Textinhalte in der Regel auf das Wesentliche: Die Figuren erscheinen nur in Umrißlinien. Auf Details oder Bildhintergründe wird ganz verzichtet. In der Darstellung auf fol. 205v etwa besteht die Burg, von der Lavine auf den knienden Eneas herabschaut, nur aus einem würfelförmigen Gebilde mit Torbogen und Turm. Es ist quasi die bildliche Abkürzung, das Zeichen, einer Burg, welches lediglich den Ort des Geschehens angibt. Für die Handlung selbst ist die Burg vollkommen bedeutungslos und kann deshalb kleiner gezeichnet werden als die Figuren selbst.

© Ulrike Spyra, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 09/2008

Literatur

  • Adelung, Gedichte
    Adelung, Friedrich: Altdeutsche Gedichte in Rom oder fortgesetzte Nachrichten von Heidelbergischen Handschriften in der Vatikanischen Bibliothek, Königsberg 1799, S. 98-108.
  • Adelung, Nachrichten
    Adelung, Friedrich: Nachrichten von altdeutschen Gedichten, welche aus der Heidelbergischen Bibliothek in die Vatikanische gekommen sind. Nebst einem Verzeichnisse derselben und Auszügen, Königsberg 1796, S. 33.
  • Bartsch, Handschriften, 1887
    Bartsch, Karl: Die altdeutschen Handschriften der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg (Katalog der Handschriften der Universitätsbibliothek in Heidelberg 1), Heidelberg 1887, Nr. 224.
  • Becker, Mittelhochdeutsche Epen
    Becker, Peter Jörg: Handschriften und Frühdrucke mittelhochdeutscher Epen. Eneide, Tristrant, Tristan, Erec, Iwein, Parzival, Willehalm, Jüngerer Titurel, Nibelungenlied und ihre Reproduktion und Rezeption im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Wiesbaden 1977, S. 22f.
  • Beckmann / Schroth 1960
    Beckmann, Josef Herrmann/Schroth, Ingeborg (Hrsg.): Deutsche Bilderbibel aus dem späten Mittelalter. Handschrift 334 der Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau und M. 719-720 der Pierpont Morgan Library New York, Konstanz 1960, Abb. 14 (27r) & Abb. 15 (102r).
  • Behagel 1882
    Behagel, Otto (Hrsg.): Heinrichs von Veldeke Eneide, Heilbronn 1882.
  • Claviez, Veitskapelle, 1976
    Claviez, Ulrike: Die Wandmalereien der Veitskapelle in Stuttgart-Mühlhausen, Diss. Tübingen 1976, S. S. 161f. & S. 257.
  • Eneasroman
    Heinrich <von Veldeke> Eneasroman (Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 403). Farbmikrofiche-Edition. Mit einer Einführung in das Werk von Hans Fromm (Codices illuminati medii aevi 2), München 1987.
  • Fromm in: Eneasroman
    Fromm, Hans: Einführung, in: Heinrich <von Veldeke> Eneasroman (Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 403). Farbmikrofiche-Edition. (Codices illuminati medii aevi 2), München 1987, S. 1-27, bes. S. 1-3.
  • Fromm, Berliner Handschrift
    Fromm, Hns (Hrsg.): Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Die Berliner Handschrift mit Übersetzung und Kommentar. Mit den Miniaturen der Handschrift und einem Aufsatz von Dorothea und Peter Diemer (Bibliothek deutscher Klassiker 77; Bibliothek des Mittelalters 4), Frankfurt/M. 1992.
  • Killy, Literaturlexikon Bd. 5, S. 181-184 (Hans Fromm)
    Fromm, Hans, in: in: Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Gütersloh 1988ff., Bd. 5, S. 181-184.
  • Henric van Veldeken, Eneide, Bd. 1 / Henric van Veldeken, Eneide, Bd. 2/ Henric van Veldeken, Eneide, Bd. 3
    Henric van Veldeken, Eneide, 3 Bde. hrsg. von Gabriele Schieb, Theodor Frings, Günter Kramer und Elisabeth Mager (Deutsche Texte des Mittelalters 58, 59 und 62), Berlin 1964-1970.
  • Heusinger, Studien, 1953
    Heusinger, Christan von: Studien zur oberrheinischen Buchmalerei und Graphik im Spätmittelalter, Diss. Freiburg i. Br. o. J. (1953), S. 23ff.
  • Jänecke 1964
    Jänecke, Karin: ‘Der spiegel des lidens cristi’. Eine oberrheinische Handschrift aus dem Beginn des XV. Jahrhunderts in der Stadtbibliothek zu Colmar (Ms. 306), Hannover 1964, S. S. 105 & Anm. 519.
  • Kautzsch, Rudolf: Notiz über einige elsässische Bilderhandschriften aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts, in: Philologische Studien. Festgabe für Eduard Sievers zum 1. Oktober 1896, Halle 1896, S. 187-293.
  • Klein in: Honemann/ Palmer
    Klein, Thomas: Ermittlung, Darstellung und Deutung von Verbreitungstypen in der Handschriftenüberlieferung mittelhochdeutscher Epik, in: Honemann, Volker/ Palmer, Nigel F. (Hrsg.): Deutsche Handschriften 1100-1400. Oxforder Kolloquium 1985, Tübingen 1988, S. 110-167.
  • Ott 1995
    Ott, Norbert H.: Die Handschriften-Tradition im 15. Jahrhundert, in: Tiemann, Barbara (Hrsg.): Die Buchkultur im 15. und 16. Jahrhundert (Veröffentlichung der Maximilian-Gesellschaft. Jahresgabe der Maximilian-Gesellschaft) 1. Halbband, Hamburg 1995, S. 47-124, bes. S. 94.
  • Rapp 1998
    Rapp, Andrea: Bilder gar hùbsch gemolt. Studien zur Werkstatt Diebold Laubers am Beispiel der Prosabearbeitung von Bruder Philipps "Marienleben" in den Historienbiblen IIa und Ib (Vestigia Bibliae. Jahrbuch des Deutschen Bibel-Archivs Hamburg 18), Bonn/ Berlin/ Frankfurt a. M. u.a. 1998 (zugleich Diss. Trier 1996), S. 160.
  • Saurma-Jeltsch, Bilderhandschriften
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Wiesbaden 2001, Bd. 1, S. 5-15, 25-28, S. 39-48, 52-55, 94 & S. 224, Bd. 2, S. 70f., Nr. 48 (mit zahlreichen Abbildungen).
  • Zimmermann in: Kostbarkeiten, 1999
    Zimmermann, Karin, in: Schlechter, Armin (Hrsg.): Kostbarkeiten gesammelter Geschichte. Heidelberg und die Pfalz in Zeugnissen der Universitätsbibliothek (Schriften der Universitätsbibliothek 1), Heidelberg 1999, S. 155f., A 28, Abb. 9 (Bl. 3v).
  • Stamm, Schopf
    Stamm, Lieselotte Esther: Die Rüdiger Schopf-Handschriften. Die Meister einer Freiburger Werkstatt des späten 14. Jahrhunderts und ihre Arbeitsweise. Aarau/ Frankfurt a. M./ Salzburg 1981, S. 333 & Anm. 33.
  • Stange 1951
    Stange, Alfred: Südwestdeutschland in der Zeit von 1400 bis 1450 (Deutsche Malerei der Gotik 4), Berlin/ München 1951, S. 52.
  • Wegener 1927
    Wegener, Hans: Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek, Leipzig 1927, S. 17f., Abb. 17 (Bl. 135r).
  • Werner, Cimelia
    Werner, Wilfried (Hrsg.): Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg, Wiesbaden 1975, S. 76-78, Abb. S. 77 (Bl. 135r)
  • Wilken 1817
    Wilken, Friedrich: Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergischen Büchersammlungen. Nebst einem Verzeichniß der aus der pfaelzischen Bibliothek im Vatican an die Universität Heidelberg zurückgegebenen Handschriften, Heidelberg 1817, S. 468.
  • VL (2) Bd. 3, Sp. 899-918, bes. Sp. 907-816 (Sigle h), (Ludwig Wolff / Werner Schröder)
    Wolf, Ludwig/ Schröder, Werner in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin/ New York 1978ff. (VL2), Bd. 3, Sp. 899-918.