Vollmer, Hans
Ober- und mitteldeutsche Historienbibeln (Materialien zur Bibelgeschichte und religiösen Volkskunde des Mittelalters, Band 1, 1. Hälfte) — Berlin, 1912

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ie Beschränkung der Bezeichnung „Histo-
rienbibel" auf den von Theodor Merz-
dorf nach der Oldenburger Handschrift
abgedruckten Text I ist ganz willkür-
lich. Ich verstehe im folgenden unter
deutschen Historienbibeln deutsche
Prosatexte, die in freier Bearbeitung
den biblischen Erzählungsstoff, mög-
lichst vollständig, erweitert durch apo-
kryphe und profangeschichtliche Zu-
taten und unter Ausschluß oder doch Zurückdrängung der erbaulichen
Glosse1) darbieten, ganz gleichgültig, ob dabei gereimte Quellen oder
die Vulgata, Historia scholastica, das Speculum historiale oder sonstige
die heilige in Verbindung mit profaner Geschichte behandelnde Texte
als Vorlage dienten. Einige Schwierigkeit macht die Abgrenzung gegen
die prosaischen Weltchroniken; hier muß Interesse und Raum, den die
alt- und neutestamentliche Geschichte innerhalb des Ganzen in Anspruch
nimmt, über Zurechnung oder Nichtzurechnung entscheiden. Die säch-
sische Weltchronik und Königshofen kommen, wie wir sehen werden, als

1) So habe ich z. B. auf die Behandlung der verschiedenen deutschen Bear-
beitungen von Ludolphs Vita Christi verzichten zu sollen geglaubt, weil hier
neben der Erzählung die erbaulichen Ausführungen einen verhältnismäßig sehr
breiten Raum einnehmen, während ich sonst auch die Darstellungen der neu-
testamentlichen Zeit, sofern sie durch apokryphe Zusätze ausgeschmückt sind,
durchaus mit einbeziehe. — Eine bisher unbekannte interessante Papierhandschrift
solch einer deutschen Bearbeitung Ludolphs im Besitz des Herrn Professor Dr.
Goldschmidt in Heidelberg konnte ich durch die Güte des Besitzers und freund-
liche Vermittelung von Herrn Professor Dr. Warburg in Hamburg hierselbst ein-
sehen. Sie ist a. 1475/6 einspaltig geschrieben, in niederalemannischer Mundart,
247 Blätter umfassend mit 89 Bildern. Wie weit neben Ludolphus die dem Bona-
ventura zugeschriebenen Meditationes als Quelle in Betracht kommen, bleibt noch
zu untersuchen. Zu vergleichen sind die Handschriften zu St. Gallen, Stifts-
bibliothek Ms. 599 (a. 1467); Berlin, Königl. Bibl. Cod. German. quart. 178; Wolfen-
büttel, Heimst. 430 (a. 1456) und 1162 sowie August, fol. 1. 11 (1471) u. a.
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