Vollmer, Hans
Ober- und mitteldeutsche Historienbibeln (Materialien zur Bibelgeschichte und religiösen Volkskunde des Mittelalters, Band 1, 1. Hälfte) — Berlin, 1912

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38 Abhandelnder Teil.

Palm und mit ihm Merzdorf hielten die Palmsche Handschrift für
einzig in ihrer Art. Ich kenne vier Handschriften dieser Gruppe. Sie
stammen sämtlich aus mitteldeutschem Sprachgebiet, die jüngste, Palms,
aus Schlesien, die drei andern aus Thüringen. Man wird demnach einst-
weilen geneigt sein, Thüringen als die Heimat dieser Historienbibel an-
zusehn. Allerdings liegt das Original dieser Arbeit auch nicht in der
ältesten, aus dem Jahre 1428 stammenden Erfurter Handschrift vor.

In Erfurt ist auch die jetzt zu Wernigerode befindliche Handschrift
entstanden. Die beiden Codices zeigen engere Verwandtschaft, indem
sie die Erzählung der Königsbücher mit IV Reg. 24, 17 abbrechen, während
in der Meininger und Breslauer Handschrift Comestors Kapitel „de morte
Sedeciae" (Migne 1427) den Abschluß bildet unter Hinzufügung der
ersten Worte des folgenden Incidenz: vnd czu der czeit hatte das reich
der Juden eyn ende (vgl. Palm S. 36 f.). Während aber in der Breslauer
Handschrift damit die eigentliche Historienbibel überhaupt zu Ende ist,
folgen in den drei andern unter der Überschrift „Daniel" noch eine ganze
Reihe von Kapiteln aus der Historia scholastica, von dem Abschnitt „De
morte Godoliae" (Migne 1438ff.) an; auf diese, auch Ezechiel mit um-
fassenden Kapitel folgt dann der eigentliche Daniel, gleichfalls nach
Comestor. Doch geht die Vision von den vier Tieren am Schluß, in
der Schilderung der Zeit des Antichrists, über den gedruckten Text der
Historia scholastica hinaus; wahrscheinlich aber war die lateinische Vor-
lage schon interpoliert.

Die Handschriften zu Meiningen und Wernigerode haben dann hinter
dem Daniel die in zahlreichen Handschriften und Drucken lateinisch und
deutsch überlieferte Epistel Meister Samuels an Rabbi Isaak. Und in
der Meininger folgen noch Übersetzungen nach der Vulgata von Tobias,
I. und II. Paralipomenon, Esdras I—III, Judith, Esther und Job, aber
alles mit größeren oder geringeren Kürzungen. Tobias, Judith und
Esther finden sich dann auch in der Breslauer Handschrift wieder. Da
der älteste Textzeuge dieser Gruppe, der Erfurter Codex, weder Samuels
Epistel noch die Übersetzungen aus der Vulgata hat, liegt es nahe, diese
Stücke für nicht ursprüngliche Zutaten bzw. Ergänzungen zu halten.

Gruppe VII.

Merzdorf beschreibt S. 84—88 im engsten Anschluß an Johann
Gottfried Weller, ohne Autopsie, eine Handschrift, die er als Verschollen
und als Unikum ansieht. Der Codex befindet sich in der Zwickauer
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