Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 28.1903

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DIE GRIECHISCHE BÜHNE

3§9
Die grossen Unterschiede zwischen dem hellenistischen Thea-
ter der Ruinen und dem griechischen Theater Vitruvs, welche
Puchstein leugnet, werde ich im V. Abschnitte nochmals zusam-
menstellen. Hier mag nur daran erinnert werden, dass diese
Unterschiede sich durch die Veränderungen erklären, welche
das römische Theater erfuhr, um für thymelische Spiele benutz-
bar gemacht zu werden. Die Orchestra wurde auf Kosten der
Bühnentiefe vergrössert und zugleich durch Tieferlegung auch
für Gladiatorenspiele und Tierhetzen eingerichtet. Der Höhen*
unterschied zwischen ihr und der Bühne wurde dabei so gross
gemacht, dass der Raum unter dem Bühnenboden für Men-
schen benutzbar und durch Türen mit der neuen Arena ver-
bunden war. So entstand der neue Typus mit schmaler Bühne
und grosser Konistra, der bald sehr beliebt wurde und in der
frühen Kaiserzeit allgemeine Verbreitung fand. Die hellenisti-
schen Theater konnten in der neuen Weise erst umgebaut wer-
den, als bei den skenischen Aufführungen kein grosser Chor
mehr auftrat und daher sämtliche Personen auf der schmalen
Bühne Platz hatten. Im IV. Jahrhundert, als noch alte Stücke
mit Chor aufgeführt wurden, wäre ihr Umbau daher unmöglich
gewesen. Erst in der frührömischen Zeit, als kein grosser Chor
mehr bestand, konnten die Schauspieler auf eine Bühne geho-
ben und so die hellenistischen Theater nach der neuen Mode
umgebaut werden.
Der neue Typus wurde von Vitruv als theatrum Graecorum
bezeichnet. Der Name war berechtigt, weil der Typus in vielen
griechischen Städten bestand und vom römischen Theater ab-
wich. Von dem älteren griechischen Theater, dem hellenisti-
schen, aus dem die neue Art durch Umbau abgeleitet war,
redet Vitruv überhaupt nicht. Ich hatte den neuen Typus bis-
her zur Unterscheidung von dem hellenistischen Theater «klein-
asiatisch» genannt, weil er namentlich in Kleinasien in vielen
Ruinen erhalten ist. Da der Name aber missverstanden wor-
den ist, schlage ich vor, den Typus in Zukunft «griechisch-
römisch» zu nennen, weil er das griechische Theater der römi-
schen Zeit bildet und aus einer Verbindung: des echt griechi-
sehen und des römischen Theaters entstanden ist.
Aber nicht nur die Ruinen selbst und die Nachrichten der
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