Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 28.1903

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W. DÖRPFELD

oder Halbsäulen eingefasst. Jener innere Widerspruch wird
dadurch zwar etwas gemildert, und die Ergänzung kommt
auch den Angaben Vitruvs, der an der scaenae frons Säulen
vorschreibt, schon etwas näher. Aber dafür entsteht eine andere
Schwierigkeit. In den hellenistischen Theatern ist weder von
Säulen des Oberstocks irgend etwas gefunden, noch sind Unter-
mauern oder Fundamente für vorspringende Stützen der Ober-
wand vorhanden. Sollte Puchstein entgegnen, beides sei auch
nicht nötig, weil er sich die Säulen und das Gebälk seiner
Skenenwand nur gemalt denke, so braucht zur Widerlegung
nur daran erinnert zu werden, dass der Spielhintergrund in
allen griechisch-römischen Theatern aus vorgestellten Voll-
säulen besteht, und dass es daher ganz unbegreiflich wäre,
wenn im hellenistischen Theater die Hintergrundwand nur be-
malte, die Vorderwand der Bühne aber wirkliche Säulen gehabt
hätte. Auch den Einwand, dass die hellenistische Skenenwand
deshalb keine vortretenden Säulen wie die griechisch-römische
scae7iae frons gehabt haben könne, weil ein solcher Schmuck
«nicht mehr griechisch sei» (S. 52), kann ich nicht gelten lassen;
denn die letztere Behauptung ist unrichtig. Vorgestellte Voll-
säulen kommen gerade bei mehreren hellenistischen Bauwerken
in Ephesos, Priene und Milet tatsächlich vor.
Ein weiterer künstlerischer Mangel der Puchsteinschen Er-
gänzung besteht darin, dass die Säulen der scaenae frons mit
ihrem Gebälk nur wenig höher sind als die Architektur der
Vorderwand der Bühne. Denn da der Zuschauer in der oberen
Architektur auf den ersten Blick einen Königspalast oder ein
Haus erkennen soll, während er die untere Säulenreihe nur
für den bedeutungslosen Schmuck des Unterbaues und nicht
für eine Säulenhalle halten darf, so erwartet man die obere
Architektur beträchtlich grösser, reicher und kräftiger als die
untere. In der Zeichnung Leonhards ist aber die obere Archi-
tektur nur sehr wenig grösser, enthält weniger Säulen und ist
überdies nur gemalt! Da mussten die Zuschauer vor Beginn
jeder Vorstellung wohl daran erinnert werden, nur ja nicht die
unteren wirklichen Säulen anstatt der oberen gemalten für den
Hintergrund des Spieles zu halten! Und eine solche wider-
sinnige Anordnung soll nicht nur einmal vorgekommen, sondern
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